Freitag, 23. Januar 2026

Die Rolle pflanzlicher Ökosysteme im Klimaschutz

Mit Pflanzen allein können wir die Welt nicht retten, ohne sie aber auch nicht, so Bernhard Kegel, Autor und Biologe. Wie das funktionieren könnte, behandle ich in diesem kurzen Beitrag.

Wälder gelten als ein zentrales Element des globalen Klimaschutzes, da sie durch Photosynthese erhebliche Mengen an Kohlenstoffdioxid (CO₂) aus der Atmosphäre binden. Dennoch beschränkt sich diese klimaregulierende Wirkung der Vegetation nicht ausschließlich auf Wälder. Viele weitere pflanzliche Ökosysteme leisten einen mindestens ebenso bedeutenden Beitrag oder sind in der Lage, einen größeren Beitrag zur Minderung des anthropogenen Klimawandels zu leisten. Jedoch werden sie in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unterschätzt oder nicht wahrgenommen.

Klimawandel, Artensterben und der fortschreitende Verlust der biologischen Vielfalt (Biodiversität) sind Begriffe, die den aktuellen Zustand des Planeten wiedergeben und regelmäßig Schlagzeilen machen. Diese Entwicklungen sind überwiegend anthropogenen Ursprungs und stehen in engem Zusammenhang mit dem stark erhöhten Ausstoß von Treibhausgasen, insbesondere CO₂, infolge industrieller Prozesse, fossiler Energienutzung und intensiver Landnutzungsformen.

Vegetation beeinflusst maßgeblich den Kohlenstoffkreislauf der Erde. Der Biologe und Wissenschaftsjournalist Bernhard Kegel weist darauf hin, dass pflanzliche Ökosysteme einen wesentlichen Einfluss auf die CO₂-Konzentration der Atmosphäre besitzen und somit gezielt in Klimaschutzstrategien einbezogen werden könnten. Vor diesem Hintergrund rücken insbesondere Moore in den Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung.

Moore als unterschätzte Kohlenstoffspeicher

Moore zählen zu den effizientesten Kohlenstoffspeichern der Erde. Global bedecken sie lediglich etwa drei Prozent der terrestrischen Landfläche, speichern allerdings schätzungsweise doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder weltweit zusammen. Diese außergewöhnlich hohe Speicherleistung resultiert aus der torfbildenden Vegetation und den dauerhaft wassergesättigten Bedingungen, die den mikrobiellen Abbau organischer Substanz stark verlangsamen.

Trotz ihrer hohen ökologischen Bedeutung wurden Moore in vielen Regionen großflächig entwässert, insbesondere zur landwirtschaftlichen Nutzung. In Deutschland sind über 90 % der ursprünglichen Moorflächen betroffen. Die Entwässerung hat schwerwiegende klimatische Konsequenzen: Durch den Sauerstoffeintrag in den Torf setzt eine mikrobielle Zersetzung ein, bei der große Mengen CO₂ freigesetzt werden. Entwässerte Moore wandeln sich somit von Kohlenstoffsenken zu bedeutenden Emissionsquellen.

Im Gegensatz dazu fungieren intakte Moore als langfristige Kohlenstoffsenken und übertreffen Wälder in ihrer Klimawirksamkeit. Darüber hinaus erfüllen sie zentrale ökologische Funktionen, darunter die Erhaltung der Biodiversität, die Regulation des Wasserhaushalts sowie den Schutz vor Hochwasser- und Dürreereignissen.

Die klimapolitische Relevanz wird durch einen Vergleich verdeutlicht: Die CO₂-Emissionen aus entwässerten Mooren in Deutschland machen rund sieben Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen aus und entsprechen damit in etwa den Emissionen des gesamten deutschen Luftverkehrs.

Durch eine Wiedervernässung der Moorflächen kann die CO₂-Freisetzung nahezu unmittelbar gestoppt werden. Gleichzeitig eröffnen sich durch innovative Nutzungsformen wie die Paludikultur Möglichkeiten, Moore nachhaltig landwirtschaftlich zu nutzen, ohne ihre klimarelevanten Funktionen zu beeinträchtigen.

Paludikulturen und ihre Rolle

Die Wiedervernässung von Mooren stellt einen erheblichen Einschnitt für die Landwirtschaft dar. Entwässerte Moorflächen werden bislang für Ackerbau oder als Grünland genutzt. Steigt der Wasserstand wieder an, sind konventionelle landwirtschaftliche Nutzungsformen – wie der Anbau von Getreide und Mais sowie die intensive Viehhaltung – nicht mehr möglich.

Welche Folgen dies haben kann, lässt sich nur eingeschränkt vorhersagen. Möglich sind kurzfristige Ertragsverluste, Investitionskosten für Umstellungen sowie im Extremfall der Verlust der bisherigen wirtschaftlichen Grundlage. Gleichzeitig entstehen jedoch auch Chancen und Alternativen, die eine klimafreundliche und wirtschaftlich tragfähige Nutzung ermöglichen.

Das Bundesamt für Naturschutz präsentiert auf seiner Website einen solchen Ansatz: die Paludikultur. Dabei handelt es sich um ein Verfahren zur nassen Bewirtschaftung von Mooren mit dem Ziel des Torferhalts oder idealerweise sogar der erneuten Torfbildung. Für den Anbau eignen sich insbesondere nachwachsende Rohstoffe wie Schilf, Röhricht, Torfmoose oder Schwarzerlen, die im Gartenbau sowie als Rohstoffe für die Bau- und Möbelindustrie genutzt werden können.

Zusätzlich profitiert die Biodiversität, da Lebensräume für bedrohte Tierarten der Moore wiederhergestellt werden. Erwähnenswert ist jedoch, dass sich dieses Nutzungskonzept derzeit noch in der Erprobungs- und Entwicklungsphase befindet.

In der praktischen Umsetzung gibt es bereits Fortschritte, die einen positiv stimmen. Ein Beispiel stellt die „Allianz der Pioniere“ dar. Sie wurde von verschiedensten Akteur*innen aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft, welche die Etablierung verschiedenster aus der Paludikultur stammenden Produkten als Ziel haben. Diese Initiative wurde im Rahmen der „toMOORow“ Aktionsgruppe ins Leben gerufen und besitzt prominente Akteur*innen wie die Pfleiderer Deutschland GmbH, die Erwin Hymer Group sowie die Gründungsmitglieder Toom und Obi.

Schlussendlich können Paludikulturen als eine Schlüsselstrategie betrachtet werden, um Moore klimawirksam zu schützen und gleichzeitig eine nachhaltige Perspektive für Landwirte zu eröffnen.

Quellen:

  • https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/klimawandel-mit-pflanzen-die-welt-retten
  • https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/redezeit-bernhard-kegel-100.html
  • https://www.bfn.de/paludikultur

Samstag, 17. Januar 2026

Rohstoffabhängigkeit der Energiewende - Warum Technik allein die Klimakrise nicht lösen kann

Ein Beitrag von Sarah Förstner

Die Energiewende gilt als das zentrale Projekt unserer Zeit. Sie soll nicht nur den Klimawandel aufhalten, sondern wir wollen auch noch, dass dabei unser Lebensstandard erhalten bleibt. In politischen Debatten wird häufig der Eindruck vermittelt, dass technologische Innovationen – von Windkraft über Photovoltaik bis hin zu Elektroautos – ausreichen, um fossile Energieträger vollständig zu ersetzen. Doch diese Vorstellung ist illusorisch. Die Energiewende ist kein immaterielles Projekt, sondern ein gigantischer Eingriff in globale Rohstoffströme. Die Abhängigkeit von Metallen und Mineralien zeigt, dass Technik allein die Klimakrise nicht lösen kann. Stattdessen braucht es eine grundlegende Debatte darüber, wie viel Energie und Ressourcen eine nachhaltige Gesellschaft tatsächlich verbrauchen darf.

Die Energiewende als Rohstoffprojekt

Erneuerbare Energien werden oft als unerschöpflich dargestellt: Die Sonne scheint, der Wind weht, und die Erde liefert geothermische Wärme. Theoretisch ist dies nicht falsch, aber praktisch spielen bei der Energiewende auch andere Themen eine wichtige Rolle. Windräder, Solarpaneele, Batteriespeicher und Elektroautos bestehen aus einer Vielzahl von Metallen, deren Förderung ökologisch und sozial hoch problematisch ist.

Für Windkraftanlagen werden große Mengen an Stahl, Kupfer und seltenen Erden benötigt. Photovoltaikanlagen basieren auf Silizium, Silber und verschiedenen Halbleitermaterialien. Elektroautos benötigen Lithium, Nickel, Kobalt und Graphit für ihre Batterien. Diese Rohstoffe sind endlich und ihr Abbau ist energieintensiv. Die Energiewende verschiebt also den Ressourcenverbrauch, sie beseitigt ihn nicht.

Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass sich die Nachfrage nach bestimmten Rohstoffen bis 2040 vervielfachen wird. Das bedeutet: Je stärker wir auf technische Lösungen setzen, desto stärker wächst der Druck auf globale Rohstoffmärkte. Die Energiewende ist damit selbst ein Treiber von Umweltzerstörung, wenn sie nicht von einer Reduktion des Gesamtverbrauchs begleitet wird.

Globale Abhängigkeiten und neue Ungleichheiten

Die Rohstoffabhängigkeit der Energiewende ist nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein geopolitisches Problem. Viele der benötigten Mineralien stammen aus Ländern des Globalen Südens, in denen Umweltstandards niedrig und Arbeitsbedingungen prekär sind. Lithium wird vor allem in Südamerika gewonnen, wo der Abbau enorme Mengen Wasser verbraucht und lokale Ökosysteme bedroht. Kobalt stammt überwiegend aus der Demokratischen Republik Kongo, wo Kinderarbeit und gefährliche Minenbedingungen dokumentiert sind. Seltene Erden werden größtenteils in China gefördert, oft unter massiver Umweltbelastung.

Die Energiewende droht damit koloniale Muster zu reproduzieren: Wohlhabende Länder sichern sich die Rohstoffe für ihre „grüne Zukunft“, während die ökologischen und sozialen Kosten in anderen Regionen anfallen. Eine nachhaltige Transformation muss diese globalen Ungleichheiten berücksichtigen. Technik allein kann das nicht leisten – sie muss politisch und ethisch eingebettet werden.

Effizienz als Falle: Warum technische Lösungen oft zu mehr Verbrauch führen

Ein weiteres Problem besteht darin, dass technische Effizienzgewinne häufig durch Rebound-Effekte neutralisiert werden. Effizientere Geräte, sparsamere Motoren oder leistungsfähigere Solaranlagen führen nicht automatisch zu weniger Verbrauch. Im Gegenteil: Wenn Energie günstiger oder leichter verfügbar wird, steigt oft der Gesamtverbrauch.

Die Energiewende kann daher nur dann nachhaltig sein, wenn sie mit einer starken Reduktion des Energie- und Materialverbrauchs einhergeht. Effizienz ist wichtig, aber sie ersetzt keine Suffizienz, das heißt wir brauchen das richtige Maß an Energie und Rohstoffen, welches wir verbrauchen. Eine Gesellschaft, die weiterhin auf Wachstum setzt, wird auch mit erneuerbaren Energien mehr Ressourcen verbrauchen, als der Planet bereitstellen kann.

Die Grenzen der Technik und die Notwendigkeit eines Systemwandels

Die Rohstoffabhängigkeit der Energiewende macht deutlich, dass technologische Lösungen allein nicht ausreichen. Selbst wenn es gelingen würde, die gesamte Energieversorgung auf erneuerbare Quellen umzustellen, bliebe das Problem des Ressourcenverbrauchs bestehen. Eine nachhaltige Zukunft erfordert daher einen Systemwandel, der über Technik hinausgeht.

Dazu gehört eine grundlegende Debatte über Konsum, Mobilität und Lebensstil. Müssen wir wirklich immer mehr produzieren und konsumieren? Ist individuelle Mobilität mit dem Auto – ob elektrisch oder nicht – ein zukunftsfähiges Modell? Wie viel Energie braucht man für ein gutes Leben tatsächlich? Dies sind Fragen, die wir uns dringend stellen sollten, wenn uns unser Leben und unser Planet etwas bedeuten.

Eine Postwachstumsökonomie sollte nicht auf immer mehr Technik setzen, sondern auf weniger Ressourcenverbrauch, mehr Reparatur, längere Produktlebenszyklen und eine gerechte Verteilung von Energie und Gütern. Technik kann diesen Wandel unterstützen, aber sie kann ihn nicht ersetzen.

Ein neues Verständnis von Wohlstand

Wenn Technik allein die Klimakrise nicht lösen kann, stellt sich die Frage, wie ein gutes Leben innerhalb planetarer Grenzen aussehen kann. Wohlstand muss neu definiert werden – nicht als materieller Überfluss, sondern als Lebensqualität, die auf Zeitwohlstand, sozialer Sicherheit, Gesundheit und ökologischer Stabilität basiert.

Eine nachhaltige Gesellschaft braucht daher nicht nur neue Technologien, sondern auch neue Werte. Die Frage lautet nicht, wie wir unseren heutigen Lebensstil mit grüner Technik fortsetzen können, sondern wie wir ein gutes Leben gestalten, das weniger Ressourcen verbraucht.

Fazit

Die Energiewende ist notwendig, aber sie ist kein rein technisches Projekt. Sie basiert auf endlichen Rohstoffen, erzeugt neue Abhängigkeiten und verschärft globale Ungleichheiten. Technik kann die Klimakrise abmildern, aber sie kann sie nicht alleine lösen. Eine nachhaltige Zukunft erfordert eine Kombination aus technologischer Innovation, politischer Steuerung, globaler Gerechtigkeit und einer neuen Vorstellung von Wohlstand bzw. dem guten Leben. Die Klimakrise ist nicht nur ein technisches, sondern vor allem ein gesellschaftliches Problem.

Quellen

Eine Jahrhundertchance: der Green New Deal

Ein Beitrag von Saskia Grimmeisen 

Klimakatastrophen überall auf der Welt zeigen uns, wie weit fortgeschritten der Klimawandel bereits ist. Waldbrände und andere Extremwetterereignisse bis zum Anstieg des Meeresspiegels sorgen dafür, dass die globale Klimakrise nicht mehr zu ignorieren ist.

Naomi Klein, eine kanadische Autorin und Aktivistin, ist eine starke Stimme für Klimapolitik und setzt sich für Klimagerechtigkeit ein. Sie ist Unterstützerin für das Ideenkonzept des Green New Deal, der seit ein paar Jahren mehr und mehr Beachtung bekommt. Den Green New Deal sehen viele als wirkungsvollen Lösungsansatz, um gegen den schnell fortschreitenden Klimawandel anzukommen. Die bisherige Klimapolitik wird massiv kritisiert. Aktuelle Maßnahmen wirken zu langsam und sind zu klein gedacht. Außerdem greifen die Maßnahmen nur in bestimmten Bereichen im Wirtschaftssystem. Das eigentliche Ziel müsste es sein, das gesamte Wirtschaftssystem neu und klimafreundlicher aufzubauen.

Aus diesen Gründen vertritt Naomi Klein den politischen Ansatz des Green New Deal. Grundlage des Konzepts ist der New Deal, den Franklin D. Roosevelt in den 1930er Jahren in den USA umsetzte. Damals herrschte eine Wirtschaftskrise und Roosevelt reagierte mit großen staatlichen Programmen. Der Green New Deal, eine Fortführung des New Deals, fokussiert sich auf die Klimapolitik und soziale Gerechtigkeit, aber mit ebenso großen Umbrüchen in der Politik. Es geht darum, durch unterschiedlichste Maßnahmen die Wirtschaft und die Gesellschaft neu aufzubauen, damit sie klimafreundlich funktionieren und soziale Gerechtigkeit gewährleisten. Naomi Klein beschreibt in neun Gründen die Möglichkeiten, die der Green New Deal für die Bevölkerung hätte.

(1) Investitionen in erneuerbare Energien werden viele Arbeitsplätze schaffen, viel mehr, als es die fossilen Energien könnten. Es gibt einige Studien, die dies belegen, wie beispielsweise eine Studie des Bundesstaates Colorado von 2019, bei der ein Programm im Stil des Green New Deal mehr Stellen schafft, als in Folge der Umstrukturierung verloren gehen.

(2) Die Umsetzung des Green New Deal wird hohe Kosten verursachen. Aber die wirtschaftlichen Schäden ohne den Green New Deal werden sich auf viel höhere Kosten belaufen. Es gibt außerdem einige Ideen für die Finanzierung, dabei funktionieren viele nach dem Verursacher-Prinzip. Das Prinzip besagt, dass die Verursacher der Klimakatastrophe den größten Beitrag zum Klimaschutz leisten sollen, um den Schaden wiedergutzumachen, der zu einem erheblichen Teil von ihnen verursacht wurde. Das könnten Schadensersatzzahlungen sein oder höhere Lizenzgebühren und die Abschaffung von Subventionen. Weitere Finanzierungsmöglichkeiten sind öffentliche Investitionen in umweltfreundliche Anleihen, eine Senkung der Militärausgaben im Verteidigungshaushalt und die Verlagerung von Subventionen der Fossilindustrie in Subventionen für erneuerbare Energien.

(3) Die Klimakrise sollte als Notstand angesehen werden. Schon alleine der Begriff würde für mehr Bewusstsein und Aufmerksamkeit sorgen. Das Thema könnte zudem so an Wichtigkeit zunehmen. Ein Notstand hätte sofortiges Handeln zur Folge, anstatt nur über mögliche Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren. Auch könnte die Erleichterung vieler Menschen, dass die Klimakrise ernst genommen wird, in Tatendrang und Engagement übergehen, sodass das politische Handeln beschleunigt wird.

(4) Politiker setzten sich in ihren Regierungsperioden bisher immer relativ leicht umsetzbare Ziele wie zum Beispiel die Regelung des Emissionshandels und gaben die Verantwortung schwieriger Klimaziele an ihre Nachfolger weiter. Der wichtigsten politischen Aufgabe im Zusammenhang mit dem Green New Deal, nämlich das komplette Wirtschaftsmodell umzukrempeln, stellte sich bisher niemand. Der Green New Deal würde dem entgegenwirken. Eine Frist von wenigen Jahren, die der Green New Deal fordert, würde Politiker dazu zwingen, sich ehrgeizigere Ziele zu setzen und Verantwortung zu übernehmen.

(5) Der Green New Deal bietet zudem Konjunktursicherheit. Durch die vielen neuen Arbeitsplätze wird die Wirtschaft stimuliert. Falls also die Weltwirtschaft einen Abschwung oder Krisen erfährt, würde der Green New Deal nicht an Unterstützung verlieren, weil er selbst Lösungen für Konjunkturschwierigkeiten bereithält wie zum Beispiel Arbeitsplätze.

(6) Durch die Verbindung des Klimaschutzes mit sozialer Sicherheit wirkt der Green New Deal Protestreaktionen entgegen. Wie man beispielsweise in Frankreich mitbekam, wurden Klimaschutzmaßnahmen wie die Benzinsteuer auf Kosten der arbeitenden Gesellschaft eingeführt, da es keine Ausgleichsmaßnahmen gab. Das empfanden viele Menschen als unfair und es kam zu Protesten wie der Gelbwestenbewegung. Mit dem Green New Deal müssen die Menschen nicht zwischen ihren eigenen Problemen und den Problemen des Planeten entscheiden, sie können beides gleichzeitig angehen. Durch tariflich abgesicherte Jobs und Zugang zu Gesundheitsfürsorge, Bildung und Kindertagesstätten wird ihnen eine große Last abgenommen.

(7) Soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit wird die Umsetzung des Green New Deals erleichtern. Denn durch die Verbindung von Klimapolitik und sozialer Gerechtigkeit werden die Bedürfnisse benachteiligter Gemeinschaften wie Ungleichheit, Luftverschmutzung und unfaire Arbeitsbedingungen Beachtung bekommen.

(8) Konkrete Projekte haben die Fähigkeit, ideologische Trennungen zu überwinden. Naomi Klein zieht als Beispiel die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Franklin D. Roosevelts heran, die er im Zuge des New Deal-Programms umsetzte. Er siedelte beispielsweise Camps des Civilian Conservation Corps in ländlichen Regionen an, die ihn damals nicht gewählt hatten. Die Menschen dort sollten die Vorteile des New Deal am eigenen Leib erfahren, um sich nicht mehr blind den Republikanern anzuschließen. Viele wählten daraufhin demokratisch. Der Green New Deal bietet konkrete Verbesserungen wie mehr Arbeitsplätze, sauberes Wasser, gesunde Böden und andere Ressourcen, wodurch alle Menschen sichtbar und sofort profitieren, egal was Leugner des Klimawandels sagen könnten.

(9) Die Hoffnungslosigkeit, der Klimawandel sei schon zu fortgeschritten und man könne nichts mehr tun, ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Wichtig zu wissen ist aber, dass das Konzept des Green New Deal nicht bei Null anfängt. Weltweit gibt es schon viele Gemeinschaften, Organisationen und Projekte, die eine sozial und wirtschaftlich gerechte Klimapolitik erproben oder bereits erreicht haben. Beispiele sind kommunale Umweltprojekte oder die Lebensweise von indigenen Gemeinschaften. Der Green New Deal hat viele Erfahrungswerte, auf die er zurückgreifen kann.

Naomi Klein macht deutlich, dass der Klimaschutz und das Ziel einer Erderwärmung unter 1,5 Grad nur durch radikale gesellschaftliche und politische Umbrüche erreichbar ist. Das Konzept des Green New Deal gibt es genau dafür, als Klimaschutzprogramm unter Berücksichtigung der sozialen Gerechtigkeit. Und deswegen kann er die Unterstützung weiter Teile der Gesellschaft bekommen, denn im Gegensatz zur jetzigen Situation in der Klimapolitik werden soziale Bedürfnisse ernst genommen. Die kurze Zeit, die der Green New Deal zur Umsetzung vorsieht, führt zu einer Mobilisation der Gesellschaft. Es ist eine große Chance, die Klimakatastrophe und soziale Ungerechtigkeiten gleichermaßen anzugehen und eine Perspektive für die Zukunft zu schaffen.

Literatur:

Klein, Naomi (2023): Radikal machbar: Neun Gründe für einen Green New Deal; in: Blätter für deutsche und internationale Politik (Hg.), Heiße neue Welt. Der Planet am Limit, Blätter, S. 193-203.

Donnerstag, 15. Januar 2026

Ende der Welt oder Ende des Monats? Warum wir die Klimakrise nur mit sozialer Gerechtigkeit lösen können

Ein Beitrag von Emma Aupperle

Im Oktober 2018 veröffentlichte der UN-Weltklimarat (IPCC) einen Bericht, der wie kaum ein anderer die Dringlichkeit der Lage verdeutlichte: Um die Erwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten und einen „wahrlich desaströsen Zusammenbruch“ zu verhindern, müssen die globalen Emissionen bis 2030 um die Hälfte sinken. Nachhaltigkeit ist kein Zukunftsprojekt mehr, sondern ein akuter Notstand, der sofortiges Handeln erfordert. Doch während die Wissenschaft eindeutige Fakten liefert, lässt die Motivation zu handeln in der Gesellschaft auf sich warten. Warum? Weil Klimapolitik bisher oft als Projekt, das sich nur die Reichen leisten können, wahrgenommen wird. Naomi Klein liefert mit ihrem Konzept des Green New Deal die notwendige Antwort auf dieses Dilemma.

Die bisherige Klimapolitik verlässt sich oft auf Einzelmaßnahmen und Marktinstrumente, wie etwa CO2-Steuern. Doch wie das Beispiel von Emmanuel Macron und den „Gelbwesten“-Protesten in Frankreich 2018/19 zeigt, sind solche Maßnahmen ohne sozialen Ausgleich nicht hilfreich. Während Macron also die Benzinpreise erhöhte, um den Verbrauch zu senken, fühlte sich die arbeitende Bevölkerung massiv unter Druck gesetzt, während die Superreichen ihre Privatjets weiterhin ungestört betankten.

Der Slogan der Protestierenden: „Die Reichen reden über das Ende der Welt, wir haben Angst vor dem Monatsende“, bringt die Absurdität auf den Punkt. Solange Menschen um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten müssen, wird der notwendige ökologische Umbau als Unsicherheit und Bedrohung gesehen. Naomi Klein will mit dem Green New Deal diese Struktur aufbrechen, indem Klimaschutz mit sozialer Gerechtigkeit verbunden wird.

Inspiriert von Franklin D. Roosevelts „New Deal“ der 1930er Jahre, der mit massiven staatlichen Programmen auf die Weltwirtschaftskrise reagierte, fordert Klein einen ebenso radikalen Umbau der gesamten wirtschaftlichen Infrastruktur. Es geht nicht darum das bestehende System ein bisschen „grüner“ zu machen, sondern um eine „Jahrhundertchance“. Also darum, ein Wirtschaftsmodell zu überwinden, das sowohl den Planeten als auch die Lebensqualität der Menschen zerstört. Der Green New Deal soll Emissionssenkungen mit der Entlastung von Arbeitnehmern verbinden, zum Beispiel durch gut bezahlte, gewerkschaftlich geschützte Arbeitsplätze und Zugang zu sozialen Leistungen. So soll er Menschen von wirtschaftlichem Druck befreien.

Ein zentraler Punkt der sozialen Gerechtigkeit im Green New Deal ist die Frage der Finanzierung, aber auch dafür gibt es Antworten. Klein macht deutlich, dass die Kosten des Wandels nicht die Allgemeinheit treffen dürfe, stattdessen setzt sie auf das Verursacherprinzip: Gerechtigkeit bedeutet, die Konzerne, die für den Großteil der globalen Emissionen verantwortlich sind, Schadensersatzzahlungen zahlen zu lassen. Außerdem würde schon eine einprozentige Steuer auf das Vermögen von Milliardären jährlich 45 Mrd. Dollar einbringen. Zusammen mit einer Finanztransaktionssteuer und der Kürzung von Militärausgaben stünden Billionen für die ökologische Wende zur Verfügung.

Ein weiterer Punkt ist, dass durch den Green New Deal ein neuer Gedanke von Zusammenhalt entsteht. Denn dieser stellt die Bedürfnisse von systematisch benachteiligten Menschen und Minderheiten in den Mittelpunkt und schafft eine breite Koalition, die den Wandel will, weil sie davon profitiert. Wenn die Menschen sehen, wie der ökologische Umbau sich auf ihr Leben auswirkt, dann entsteht eine Masse von Unterstützern.

Der Green New Deal zeigt, dass wir nicht zwischen dem Planeten und unserem Wohlstand wählen müssen und gerade soziale Gerechtigkeit zum ökologischen Wandel beitragen kann. Wenn wir handeln, „als stünde unser Haus in Flammen“, wie Greta Thunberg sagte, dann vielleicht nicht nur, um den Brand zu löschen, sondern um ein neues Haus zu bauen, das auf sozialer Gerechtigkeit basiert.

Quellen:


Realismus statt Resignation: Jens Beckert zur Klimapolitik

Ein Beitrag von Valeria Maiorano

Der Klimawandel ist schon lange Realität. Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen zeigen, dass sich unsere Umwelt grundlegend verändert hat, und dennoch bleibt wirksamer Klimaschutz aus. Der Soziologe Jens Beckert erklärt dieses Scheitern nicht mit fehlendem Wissen, sondern mit den Strukturen unserer Gesellschaft und plädiert für einen realistischen Umgang mit dieser Krise.

Beckert beschreibt die aktuelle Situation als eine Phase zunehmender Unsicherheit. In Anlehnung an Martin Müller spricht er von einer „neuen Unzuverlässigkeit der Natur“. Klimatische Bedingungen, die früher als stabil galten, sind nicht mehr verlässlich vorhanden. Die Folgen der Erderwärmung treffen dabei nicht alle gleich. Sie sind global spürbar, dennoch sozial und geografisch sehr ungleich verteilt. Ärmere Bevölkerungsgruppen sowie Länder des globalen Südens sind besonders benachteiligt.

Beckert bemängelt nicht die mangelnde Einsicht, dass Klimaschutz durchaus wichtig ist, denn viele Menschen wissen um die Dringlichkeit dieser Krise. Das Problem, so Beckert, sind vielmehr mächtige wirtschaftliche und politische Strukturen, die wirksames Handeln blockieren. Wachstum, Konsum und Profitorientierung stehen im Widerspruch zu einer schnellen Reduktion von Emissionen. Diese Blockaden führen bei vielen Menschen zu Frustration und Resignation, einem Gefühl, dass das individuelle Handeln ohnehin nichts mehr bewirkt.

Nachhaltiger Klimaschutz sei mit den kapitalistischen Strukturen der Moderne nur schwer vereinbar, da diese auf stetiges Wachstum angewiesen sind. Aber Beckert hält einen radikalen Systemwechsel für politisch nicht realistisch, besonders in Anbetracht des enormen Zeitdrucks. Er fordert stattdessen, realistische Ansatzpunkte zu finden und diese innerhalb bestehender Strukturen umzusetzen.

Klimaanpassung ist bei Beckert ein zentraler Gedanke. Anpassung ist für ihn kein Zeichen des Scheiterns, sondern Ausdruck von Realismus. Die Gesellschaften müssen sich auf neue Bedingungen einstellen, da sich der Klimawandel nicht vollständig verhindern lässt. Beispiele sind ein anderes Wassermanagement bei Trockenheit, Hitzeschutz in Städten oder Küstenschutz angesichts des steigenden Meeresspiegels.

Bestehende Ungleichheiten und ein erhöhtes Risiko gesellschaftlicher Konflikte sind mögliche Folgen der Klimakrise. Das bedeutet, dass diese Anpassungsprozesse ungewollten sozialen Stress mit sich bringen. Wirksamer Klimaschutz ist für Beckert ein Kollektivgut. Individuelle Verhaltensänderungen sind wichtig, reichen aber nicht aus. Staatliche Investitionen in grüne Infrastrukturen, eine aktive Finanzpolitik und der Ausbau öffentlicher Angebote sind entscheidend.

Eine zentrale Rolle spielt die Zivilgesellschaft. Moralische Überzeugungen entstehen nicht auf internationalen Klimakonferenzen, so Beckert, sondern im sozialen Nahbereich, in Familien, Vereinen und lokalen politischen Prozessen. An diesen Orten wird Klimaschutz konkret erfahrbar als Schutz des eigenen Lebensraums und als Verbesserung des Alltags.

Beckert lehnt sowohl resignatives Nichtstun als auch utopische Systemwechsel ab. Sein Plädoyer lautet: Realismus statt Resignation. Realistische Klimapolitik bedeutet, bestehende Machtverhältnisse anzuerkennen, politisch machbare Lösungen zu suchen und Zeit zu gewinnen, um Schäden zu begrenzen. Es gibt keine perfekten Lösungen. Doch genau daraus entsteht eine moralische Pflicht zum Handeln, auch wenn wir den Erfolg noch nicht sehen oder greifen können und er somit unsicher bleibt. Realismus heißt in diesem Sinne, trotz aller Schwierigkeiten handlungsfähig zu bleiben.

Quelle:

Beckert, Jens: Zwischen Utopie und Resignation. Plädoyer für eine realistische Klimapolitik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 5/2024, S. 43-52.

Mittwoch, 14. Januar 2026

Wäre die britische Kriegswirtschaft eine Lösung angesichts des Klimawandels?

Ein Beitrag von Sarah Falangone

Der Kapitalismus war zweifellos ein großer historischer Fortschritt, denn er zielte auf das Privateigentum an Produktionsmitteln und deren Einsatz zur Gewinnerzielung ab. Das bedeutet jedoch auch, dass der Kapitalismus zwingend für Wachstum sorgen muss, um stabil zu bleiben. In einer endlichen Welt ist es jedoch unmöglich, unendlich zu wachsen, da irgendwann die natürlichen Ressourcen erschöpft sind. Dieses Problem bleibt jedoch weitgehend unbeachtet, während Industriestaaten so tun, als könnten sie mehrere Planeten verbrauchen. Dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann, ist absehbar, weshalb eine Epoche der „Überlebenswirtschaft“ folgen muss, mit welcher wir den Kapitalismus überwinden, so die Argumentation von Ulrike Herrmann (2022).

Die Illusion des grünen Wachstums

Regierungen diskutieren zwar über verschiedene Ansätze, doch oft handelt es sich dabei um Nichtlösungen. Viele hoffen darauf, die Klimakrise mithilfe von Ökostrom zu bewältigen, indem die gesamte Wirtschaft – von der Industrie bis zum Verkehr – einfach umgestellt wird. Dieses „grüne Wachstum“ ist jedoch eine Illusion, da Ökoenergie nicht in beliebiger Menge zur Verfügung stehen wird. Zwar schickt die Sonne genug Energie, doch diese muss mühsam eingefangen und für Zeiten ohne Wind und Sonne gespeichert werden. Zudem verbraucht grüne Technik sehr große Mengen an knappen Mineralien wie Lithium, Kupfer und Kobalt. Es käme daher zwangsläufig zu einem „grünen Schrumpfen“, bei dem Flugreisen oder private Autofahrten in der heutigen Form nicht mehr möglich wären. 

Die Suche nach der Kreislaufwirtschaft

Viele Klimaaktivistinnen setzen darauf, dass eine ökologische Kreislaufwirtschaft die Lösung sein könnte. In einer solchen Wirtschaft wird nur so viel verbraucht, wie sich auch recyceln lässt. Der Slogan „system change, not climate change“ ist zwar populär, doch wie genau man diesen Wandel ohne eine schwere Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit erreichen kann, bleibt unklar. Es fehlt die Brücke von der heutigen Wachstumsdynamik in eine statische Zukunft. Selbst Ikonen wie Greta Thunberg geben offen zu, dass das künftige System bisher noch nicht erfunden wurde.

Das Vorbild: Die britische Kriegswirtschaft ab 1939

Um einen Plan für das geordnete Schrumpfen zu finden, lohnt sich, so Herrmann, ein Blick in die Geschichte – speziell auf Großbritannien im Jahr 1939. Während die US-Kriegswirtschaft auf massives Wachstum setzte und für die Bevölkerung weitgehend „schmerzfrei“ blieb, mussten die Briten ihre zivile Wirtschaft radikal eindämmen, um Ressourcen für das Militär zu schaffen. Dabei entstand eine „private Planwirtschaft“: Staatliche Lenkung, privates Eigentum: Die Fabriken blieben in privater Hand, aber der Staat bestimmte über Rohstoffe und Arbeitskräfte (das sogenannte „Manpower Budget“), was produziert wurde. Um Chaos zu vermeiden, übernahm der Staat die Kontrolle über die wichtigsten Entscheidungen, was zeigt: Der Staat kann handeln, wenn er will – wie wir es auch in der Corona-Pandemie erlebt haben.

Um diese Umstellung überhaupt steuern zu können, wurde damals eine entscheidende Messgröße erfunden: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP war ursprünglich eine britische „Kriegswaffe“, um die Wirtschaftsleistung und das Wachstum genau zu messen. Dank dieser Daten konnten die Planer genau einschätzen, dass sie beispielsweise 66 Prozent der britischen Industriekapazitäten für die Aufrüstung benötigten, während der Rest für die Zivilbevölkerung blieb. Wegen diesem durchschlagenden Erfolg entwickelte sich das BIP zur weltweit wichtigsten statistischen Kennzahl der Ökonomie und wurde schließlich von fast allen Ländern übernommen.

Der Segen der Rationierung

Ein zentraler Pfeiler war das Rationierungsprogramm. Obwohl der Konsum insgesamt um ein Drittel sank, erwies sich diese staatlich verordnete Gleichmacherei als Segen für die soziale Gerechtigkeit. Da Grundnahrungsmittel wie Fleisch, Brot und Fett gerecht verteilt wurden, waren die unteren Schichten oft besser versorgt als in Friedenszeiten, in denen sich viele Briten nicht einmal genug Kalorien leisten konnten.

Fazit: Keine Angst vor dem Weniger 

Wir brauchen, so das Fazit von Herrmann, kein völlig neues, noch nie dagewesenes System. Wir müssen das radikalisieren, was im Kapitalismus ohnehin angelegt ist: die Fähigkeit des Staates, in Krisenzeiten effektiv zu lenken. Die Geschichte zeigt, dass der Staat handeln kann, wenn er will – das haben wir auch in der Pandemie gesehen.

Literatur: Herrmann, Ulrike (2022): Raus aus der Wachstumsfalle. Wie wir mit der britischen Kriegswirtschaft die Klimakrise bewältigen können; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe 10/2022.

Mutlose Klimapolitik

Ein Beitrag von Gianluca Trovato 

Klimapolitik scheitert nicht am Wissen, sondern am Mut zur Gerechtigkeit

Die Klimakrise ist wissenschaftlich eindeutig, politisch anerkannt und gesellschaftlich präsent. Und doch stockt die Klimapolitik. Nicht weil wir nicht wüssten, was zu tun ist, sondern weil der politische Wille fehlt, Klimaschutz konsequent und sozial gerecht umzusetzen. Statt entschlossen zu handeln, wird Klimapolitik in Deutschland zunehmend verwässert, verzögert oder im Namen angeblicher Zumutbarkeitsgrenzen relativiert.

Das Kernproblem liegt in der falschen Verteilung der Lasten. Klimaschutz wird zu oft als individuelles Moralprojekt verkauft: Menschen sollen weniger heizen, weniger fahren, weniger konsumieren. Gleichzeitig bleiben strukturelle Ursachen wie fossile Abhängigkeiten, industrielle Großemissionen oder unzureichende Infrastruktur unangetastet. Wer wenig Einkommen hat, spürt die Kosten sofort, und wer viel verursacht, bleibt vergleichsweise unbehelligt. Das ist nicht nur ineffektiv, sondern politisch brandgefährlich.

Denn eine Klimapolitik, die soziale Ungleichheiten ignoriert, verliert ihre demokratische Legitimation. Wenn steigende Energiepreise, unsichere Arbeitsplätze oder teure Sanierungspflichten als „notwendige Opfer“ dargestellt werden, ohne realen sozialen Ausgleich zu schaffen, entsteht Frust. Dieser Frust wird dann nicht gegen die Ursachen der Klimakrise gerichtet, sondern gegen Klimaschutz selbst, ein ideales Einfallstor für populistische Erzählungen.

Es ist dabei klar, dass es ohne eine tiefgreifende ökologische Transformation weder Wohlstand noch soziale Sicherheit in Zukunft geben wird. Wer Klimapolitik gegen Sozialpolitik ausspielt, betreibt kurzsichtige Symbolpolitik. Wirklicher Klimaschutz braucht massive öffentliche Investitionen, einen handlungsfähigen Staat und den Mut, ökonomische Interessen zu begrenzen. Es braucht Umverteilung, nicht Appelle, Strukturwandel, nicht Schuldzuweisungen an Einzelne.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob wir uns ambitionierte Klimapolitik leisten können, sondern ob wir uns ihr Scheitern leisten wollen. Eine Klimapolitik, die Angst erzeugt statt Sicherheit, ist zum Scheitern verurteilt. Eine Klimapolitik hingegen, die soziale Gerechtigkeit ernst nimmt, kann zur Grundlage eines neuen gesellschaftlichen Konsenses werden. Der politische Raum dafür ist da, was fehlt, ist der Mut, um diesen Raum zu nutzen.

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Das Pariser Klimaabkommen - der große Aufbruch?

Ein Beitrag von Johanna Gold 

Wachstum, Wirtschaft, Wohlstand - lange Zeit waren dies die Schlüsselwörter für Entwicklung. Daher traf die Veröffentlichung des Berichts „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome 1972 die Menschheit wie ein Schock. Der Bericht wurde zum Thema einer weltweiten Debatte und trieb die Umweltpolitik voran, was schließlich zur Organisation von großen internationalen Konferenzen führte.

Im Jahr 1992 erfolgte der von der UN veranstaltete „Erdgipfel“ in Rio de Janeiro, bei dem mehrere multilaterale Umweltabkommen wie die Klimarahmenkonvention und die Agenda 21 vereinbart wurden, um die Bemühungen um Nachhaltigkeit und Klimaschutz voranzutreiben. In Nachfolge des Kyoto-Protokolls - des ersten völkerrechtlichen Vertrags zur Begrenzung und Senkung der Treibhausgasemissionen der teilnehmenden Staaten, welches 1997 in Japan beschlossen wurde und 2005 in Kraft trat - wurde dann das Pariser Klimaabkommen beschlossen.

Am 12. Dezember 2015 gelang, was zuvor viele für unmöglich hielten: allen Vertragsparteien der UNFCC (United Nations Framework Convention on Climate Change), also zu dieser Zeit 195 Staaten und die Europäische Union, einigten sich auf ein gemeinsames Ziel: Die globale Erwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit, idealerweise auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das Pariser Klimaabkommen markiert damit einen Wendepunkt, denn im Gegensatz zu seinem Vorgänger, dem Kyoto-Protokoll, verpflichteten sich erstmals nicht nur Industriestaaten, sondern fast alle Staaten der Welt zu verbindlichen Reduktionszielen. Es war ein Moment der globalen Hoffnung: Die Welt handelte endlich gemeinsam, um den Klimawandel einzudämmen. Die Dringlichkeit dieses Anliegens, die Risiken und Auswirkungen des Klimawandels einzudämmen, wird wohl jedem bekannt sein. Bereits heute leiden insbesondere südlich gelegene Länder unter enormen Schäden durch die Auswirkungen des Klimawandels. Dürreperioden, Stürme, Überschwemmungen und der Meeresspiegelanstieg bedrohen vielerorts die Existenz der Menschen.

Nun stellt sich aber noch die Frage, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Wenn wir uns vorstellen, wie eine Umsetzung der Reduzierung der Emissionen aussieht, dann denken wir vermutlich zuerst an Winkraft- und Photovoltaikanlagen, die Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen ersetzen. Dieser Gedanke ist auch gut, aber ein alleiniges Vermeiden des Ausstoßes von Emissionen ist nicht ausreichend, um das Ziel des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Es braucht viel mehr als das. Es braucht negative Emissionen - eine Entfernung von bereits in die Atmosphäre freigesetztem Kohlenstoffdioxid.

Außerdem müsste für das Erreichen des Ziels die große Lücke zwischen den vereinbarten und den zugesagten Maßnahmen geschlossen werden, denn Stand Oktober 2017 beinhalten die Klimaschutzmaßnahmen der Staaten nur ein Drittel der Emissions-Reduktionen, die nötig wären, um das vereinbarte 2-Grad-Ziel zu erreichen. Eine mögliche Begründung hierfür könnten die sogenannten NDCs (= Nationally Determined Contributions, dt. Nationale Klimabeiträge) sein: anstatt national festgelegte und völkerrechtlich bindende Klimaschutzziele zu setzen, wurden die Vertragsstaaten des Pariser Klimaabkommens dazu verpflichtet, regelmäßig eigene Klimaschutzbeiträge, die NCDs, zu formulieren. Die Vertragsstaaten haben dabei großen Spielraum bei der Festlegung der Klimaschutzziele und sind nicht zum Erreichen der in den NDCs genannten Klimaschutzzielen verpflichtet. Die Ausarbeitung der Ziele der einzelnen Staaten außerhalb der UN-Klimaverhandlungen hat allerdings Vorteile, wenn man auf den Klimawandel im Rahmen von „gemeinsamer aber unterschiedlicher Verantwortlichkeit“ blickt, denn Industrieländer und Entwicklungsländer haben verschiedene Mittel bei der Bekämpfung des Klimawandels zur Verfügung und können ihre Ziele dementsprechend individuell festlegen.

Die Vertragsstaaten müssen aber nicht nur NDCs einreichen, sondern auch regelmäßig über den Fortschritt berichten. Dadurch entsteht Transparenz über den Fortschritt zur Erreichung der im Übereinkommen verankerten langfristigen Ziele. Dennoch ist zu erwähnen, dass ingesamt aufgrund der unverbindlichen Vorgaben für die Eigenschaften von NDCs und die von den Staaten einzureichenden Informationen eine Vielfalt entsteht, die die Vergleichbarkeit der Klimaschutzbeiträge und eine Abschätzung der kollektiven Klimawirkung erschwert. Im Ergebnis der Klimakonferenz von Katowice 2018 wurde dann schließlich ein gemeinsames Regelwerk einschließlich Richtlinien für die Berichterstattung von NDCs verabschiedet.

Doch wie sieht es nun mit Blick auf die NDCs der Vertragsstaaten um das 1,5-Grad-Ziel aus? Betrachtet man die bis Ende 2020 eingereichten NDCs, wird man wohl kaum begeistert sein können. Die Klimawirkung der zu dieser Zeit eingereichten NDCs ist selbst bei vollständiger Umsetzung nicht ausreichend, um die Erwärmung der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 Grad Celsius zu begrenzen. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen teilte mit, dass das international vereinbarte 1,5-Grad-Ziel sehr wahrscheinlich bereits innerhalb des nächsten Jahrzehnts überschritten werde. Mit Ausblick auf das Ende des Jahrhunderts ist Berechnungen zufolge mit einer Erwärmung von 2,3 bis 2,5 Grad Celsius zu rechnen, selbst wenn die Staaten ihre NDCs umsetzen. Das Ziel des Übereinkommens von Paris würde damit eindeutig verfehlt werden.

Es lässt sich feststellen, dass das Pariser Klimaabkommen sein gesetztes Temperaturziel noch nicht erreicht hat und die Frage offen bleibt, ob dies je der Fall sein wird. Um eine Chance zu haben, dieses Ziel noch annähernd zu erreichen, müssten wir raus aus der „Beschlussosphäre“ hin zu aktivem Handeln gehen. Trotzdem ist das Pariser Klimaabkommen ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte der Umweltpolitik, der die Klimapolitik weltweit spürbar verändert hat. Klimaziele sind jetzt Teil der nationalen Politik vieler Länder und das Bewusstsein für die Dringlichkeit des Klimaschutzes wuchs - nicht zuletzt auch durch die von der Umwelt-Aktivistin Greta Thunberg angestoßene internationale Bewegung Fridays for Future. Es ist wichtig zu beachten, dass der Klimaschutz nicht allein Aufgabe der Staaten ist, sondern auch jeder einzelne von uns etwas tun kann und soll. Es bleibt spannend, wie die Umweltpolitik sich in Zukunft weiter entwickeln wird. Eines ist aber klar: Im Kampf gegen den Klimawandel braucht es globales Verantwortungsbewusstsein und vor allem auch die Bereitschaft, gewohnte Lebensweisen zu verändern.

Quellen

  • https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-europalexikon/309438/pariser-klimaabkommen [zuletzt aufgerufen am 03.12.2025]
  • https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Artikel/Industrie/klimaschutz-abkommen-von-paris.html [zuletzt aufgerufen am 04.12.2025]
  • https://www.greenpeace.de/klimaschutz/klimakrise/pariser-abkommen#:~:text=Zentrales%20Ziel%20des%20Pariser%20Abkommens,Auswirkungen%20der%20Klimakrise%20geschützt%20werden. [zuletzt aufgerufen am 03.12.2025]
  • https://www.wwf.de/themen-projekte/klimaschutz/klimapolitik-international/internationale-verhandlungen-in-der-klimapolitik [zuletzt aufgerufen am 05.12.2025]
  • https://www.tagesschau.de/wissen/klima/klimaschutz-erderwaermung-eu-100.html [zuletzt aufgerufen am 05.12.2025]
  • Richter, H. und Ulrich, B.(2024):Demokratie und Revolution. Wege aus einer selbstverschuldeten ökologischen Unmündigkeit. Köln: Kiepenheuer und Witsch

Montag, 24. November 2025

Die Ölpreiskrisen 1973 und 1979

Ein Beitrag von Kevin Weber

Was bedeutet es für die von Öl abhängigen Industriestaaten, wenn auf einmal die Energiepreise massiv in die Höhe schnellen? Richtig, sie schlittern in eine Rezession. Genau das ist zum ersten Mal im Jahr 1973 passiert. Das Gute daran? Das „Gute“ war, dass die Industriegesellschaften wieder ein Bewusstsein für Energieverbrauch und für den Wert von Nachhaltigkeit und Sparsamkeit entwickelten. Die Ölpreiskrise beendete die Zeit des unbedachten Energieverbrauchs.

Den Menschen wurde klar, dass sie sich in einer ernsten Situation befinden. Dadurch waren die meisten Menschen dazu bereit, Einschnitte in ihr Leben zu akzeptieren. Es wurden z.B. autofreie Sonntage eingeführt und die Beleuchtung von Weihnachtsmärkten wurde verboten. Es machte den Anschein, dass die Menschen verstanden haben, dass es wichtig ist, auf die Umwelt zu achten und auch nicht einfach unbedacht Energien zu verschwenden.

Allerdings blieb diese erhoffte nachhaltige Besinnung aus, als die Ölförderung erhöht wurde und alles wieder lief wie zuvor. Leider kam es dann noch viel schlimmer. 1979 begann die zweite Ölpreiskrise und diese war noch massiver und wurde damals sogar als „historische Zäsur“ gesehen. Das Zeitalter der Energiewende begann, zumindest war das damals die Annahme. Energie sparen war das Einzige, was man tun konnte. Wieder gab es Tempolimits, Tankstellen wurden geschlossen und Beleuchtungen abgeschaltet.

Es machte wirklich den Anschein, dass die Energiewende umgesetzt werden würde, denn die westlichen Regierungen begannen damit, eine intensive Energiepolitik mit Kampagnen zum „Erziehen der Konsumenten“. Außerdem wurden Verbrauchsanzeigen verpflichtend und es wurde europaweit die DIN-Norm zur Messung des Benzinverbrauchs eingeführt. Außerdem wurden erneuerbare Energien gefördert. 1981 rechneten 60% der Deutschen mit einer Bedeutungszunahme der Sonnenenergie.

Im Juni 1979 veranstaltete US-Präsident Jimmy Carter eine Pressekonferenz auf dem Dach des Weißen Hauses und präsentierte Solarzellen. Es schien also nun endlich so zu sein, dass die Menschheit verstanden hatte, wie wichtig es ist, darauf zu achten, wie man mit der vorhandenen Energie und auch mit der Umwelt umgeht, wenn man ein langfristig gutes Leben auf der Erde für die Menschheit erhalten will.

Im Jahr 1979 fand außerdem die erste Weltklimakonferenz statt, bei der darauf aufmerksam gemacht wurde, dass der Energieverbrauch zu einem Anstieg der Erderwärmung führe. Dadurch wurde klar, dass immer mehr Kohle zu verheizen keine Option ist. Zudem verlor Öl und Atomkraft immer mehr seinen guten Ruf, da zuerst im Jahr 1978 der Unfall des Öltankers Amoco Cadiz und im Jahr 1979 der Atomunfall von Harrisburg stattfand.

Das Jahr 1979 hätte also in die Geschichte eingehen können als das Jahr der Energiewende. Leider war dies nicht der Fall. Ganz im Gegenteil, der Energieverbrauch wuchs noch bis in die 1980er Jahre, danach nahm er dann jedoch ab. Allerdings bei weitem nicht so stark, wie man es von den technischen Möglichkeiten und der Dringlichkeit hätte erwarten können. Es gab vereinzelt gute Ansätze und einige Länder, die sich daran beteiligt haben. Dennoch lag der Fokus viel zu sehr auf fossilen Brennstoffen.

Umweltpolitik 1972 - 2015

Ein Beitrag von Fabian Schrezenmeir

Als die Welt 1972 den Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“ in Händen hielt, war das ein Schockmoment. Zum ersten Mal wurde einer breiten Öffentlichkeit klar, dass es planetare Grenzen gibt und dass moderne Industriegesellschaften diese rücksichtslos überschreiten. Der Bericht erschien zu einer Zeit, in der Flüsse stanken, Pestizide in Lebensmitteln landeten, die Luft voller Schadstoffe war und Atomkraftwerke als Zukunftstechnologie galten. Umweltzerstörung war plötzlich kein lokales Ärgernis mehr, sondern ein globales Risiko.

Nach dem Club-of-Rome-Bericht begann eine neue Phase. Umweltpolitik wurde in vielen westlichen Ländern ein eigenständiges Politikfeld. Filter wurden auf Schornsteine gesetzt, eine Vielzahl schädlicher Stoffe wie DDT oder später FCKW verboten. Gleichzeitig entstand eine breite gesellschaftliche Umweltbewegung. In Deutschland mündete sie 1980 in die Gründung der Grünen.

Die Ölkrisen von 1973 und 1979 verstärkten dieses Bewusstsein. Plötzlich mussten Industriegesellschaften Energie sparen, Tempolimits wurden eingeführt, Sonntage autofrei, Weihnachtsbeleuchtungen abgeschaltet. Politiker sprachen offen davon, dass der verschwenderische Lebensstil an ein Ende kommen müsse. Doch sobald der Ölpreis wieder fiel, ließ auch die Bereitschaft zum Wandel nach.

Während einige westliche Länder in den 1980ern erneuerbare Energien förderten, blieb die Bundesrepublik zögerlich. Zwar wurde ein Umweltministerium geschaffen und das Grundgesetz später um ein Staatsziel Umweltschutz ergänzt, aber ein konsequenter Umstieg auf erneuerbare Energien scheiterte. Die Technologie war vorhanden, aber die Prioritäten lagen weiterhin bei fossiler Energie, oft im Gleichklang mit starken wirtschaftlichen Interessen.

Nach dem Ende des Kalten Krieges schien der Weg frei für globale Umweltpolitik. 1992 fand in Rio der UN-Erdgipfel statt, bei dem Nachhaltigkeit als internationales Leitprinzip festgeschrieben wurde. Die Idee war optimistisch. Wirtschaftswachstum und Umweltschutz sollten sich miteinander versöhnen lassen durch Technik, Effizienz und CO₂-Bepreisung.

Auch in Deutschland begann unter Rot-Grün (1998–2005) eine ambitionierte Phase. Erneuerbare Energien wurden gefördert, eine Ökosteuer eingeführt, Naturschutzrechte gestärkt. Deutschland wurde zum Vorreiter, allerdings nur für kurze Zeit. Mit Regierungswechseln schwand der politische Mut, viele Reformen wurden abgeschwächt oder gestoppt.

Während politische Gipfel und Umweltkonferenzen sich häuften, stiegen die globalen Emissionen weiter – schneller als je zuvor. Hedwig Richter und Bernd Ulrich sprechen von einer „Beschlussosphäre“, einem Politikstil, der Probleme benennt, Abkommen unterschreibt, aber kaum grundlegende Veränderungen durchsetzt. Vorbilder hierfür gibt es genug. Klimagipfel scheiterten, Ziele wurden verschoben und Maßnahmen verwässert.

Gleichzeitig arbeiteten fossile Industrien aktiv gegen Klimaschutz. Ölkonzerne wie Exxon wussten früh um die Risiken ihrer Emissionen und investierten gezielt in Desinformation. Staaten, die wirtschaftlich stark vom Export fossiler Energien abhängig sind, blockierten Fortschritt zusätzlich.

Mit dem Pariser Klimaabkommen erreichte die Umweltpolitik einen historischen Moment. 197 Staaten verpflichteten sich erstmals, die Erderwärmung auf „deutlich unter zwei Grad“ zu begrenzen. Es war ein Zeichen globaler Einigkeit, getragen vom Verständnis, dass die Menschheit am ökologischen Abgrund steht. Doch die Frage bleibt. War Paris der Beginn einer echten Wende oder ein weiterer symbolischer Akt in der langen Kette unzureichender Beschlüsse?

Blickt man von 1972 bis 2015 zurück, zeigt sich ein Muster. Das Wissen war früh da, die technischen Möglichkeiten ebenfalls, doch die politische Umsetzung blieb lückenhaft, langsam und widersprüchlich. Die Umweltpolitik hat in diesen Jahrzehnten viel erkannt und viel beschlossen, aber viel zu wenig verändert. Sie hat die ökologische Krise nicht verursacht, aber zu spät und zu zögerlich auf sie reagiert. Und die Zeit, die verloren ging, macht die Herausforderungen heute größer denn je.

LiteraturHedwig Richter / Bernd Ulrich (2024): Demokratie und Revolution. Wege aus der selbstverschuldeten ökologischen Unmündigkeit, Kiepenheuer & Witsch - Kapitel "Schock und Traum (1972-2015)", S. 51-71.

Montag, 3. November 2025

Bedingungsloses Grundeinkommen und das gute Leben

Ein Beitrag von Helena Grammer 

Höher, weiter, schneller, mehr … das weltweit dominierende System des Kapitalismus ist auf dauerhaftes Wachstum, Gewinn und daraus resultierendem Wohlstand ausgerichtet. Inzwischen ist lange bekannt, dass es so wie wir wirtschaften, so wie wir leben nicht lange weitergehen kann. Vor allem der menschengemachte Klimawandel führt dazu, dass unser Lebensstandard immer schwieriger zu steigern ist. Das Versprechen der Moderne, dass es der kommenden Generation besser geht, scheint verloren.

Die Anleitung zu einem neu definierten „guten Leben“ oder jedenfalls den Impuls für eine Anleitung finden wir in den Ideen von Hartmut Rosa zur„Resonanz“ (siehe vorheriger Beitrag hier im Blog). Er beschreibt Resonanz als eine wechselseitige, lebendige Beziehung zwischen Mensch und Welt, in der wir uns berühren lassen und darauf reagieren beziehungsweise antworten können. Resonanz bedeutet dabei nicht Kontrolle oder Harmonie, sondern ein offenes Antwortverhältnis, das nur unter Bedingungen von Zeit, Achtsamkeit und Offenheit entstehen kann, aber unverfügbar bleibt.

Was dem entgegensteht, ist laut Rosa die Logik der Beschleunigung, durch die unsere Gesellschaft dynamisch stabilisiert und angetrieben wird. Resonanz soll also der Gegenentwurf zur aus dieser Beschleunigung resultierenden Entfremdung sein und eine Grundlage des „guten Lebens“ bilden, das sich nicht im Haben, sondern im In-Beziehung-Sein erfüllt.

Wenn nun Resonanz das Ziel ist, um gut zu leben, so ist die Handlungsanweisung für politische Entscheidungsträger, die daraus resultiert, es der Bevölkerung zu vereinfachen und sich Fragen zu widmen, die klären, wie Menschen Zeit, Ruhe und Sicherheit finden, um in echte Beziehungen zur Welt (und zueinander) treten zu können.

Ein schon lange diskutierter, vielversprechender Ansatz ist dabei das bedingungslose Grundeinkommen: Ein Konzept, das jedem eine ausreichende Grundsicherung zukommen lässt, um von Existenzängsten zu befreien. Das bedingungslose Grundeinkommen könnte also einen gesellschaftlichen Resonanzraum schaffen, und zwar dadurch, dass es die materielle Sicherheit, die notwendig ist, um den permanenten Druck zu durchbrechen, herstellt, so dass Sorgen vor finanziellem Ruin und sozialem Abstieg abgemildert werden können.

Wer nicht mehr aus Angst handelt, gewinnt Zeit und Freiheit, kann Tätigkeiten nachgehen, die als sinnstiftend empfunden werden, Beziehungen pflegen und sich mit der Welt verbunden fühlen. Das Verständnis von Mensch, Arbeit und Umwelt soll sich umgestalten: weg von der Logik, die „höher, weiter, schneller, mehr“ verlangt, hin zu einer Kultur der Achtsamkeit und des In-Beziehung-Seins. Zwar entsteht Resonanz dadurch nicht automatisch, aber die Bedingungen, unter denen sie möglich werden kann, werden deutlich verbessert und sind geprägt von Entschleunigung, Selbstbestimmung und sozialer Teilhabe.

Doch so überzeugend diese Vorstellung auch klingt, bleibt unsicher, ob das bedingungslose Grundeinkommen tatsächlich halten kann, was es verspricht. Es ist nicht garantiert, dass eine finanzielle Absicherung automatisch zu mehr Resonanz führt. Sie kann zwar Sorgen und Ängste mildern, ersetzt aber keine Haltung der Offenheit oder Achtsamkeit, die Resonanz erst ermöglicht. Resonanz ist nicht plan- oder garantierbar. Zudem besteht die Gefahr, dass ein solches Grundeinkommen innerhalb der von Rose skizzierten Wachstumslogik nur als Mittel zur Steigerung von Konsum und Stabilisierung des Marktes dient. Auch sozialpolitisch bleibt unklar, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen tatsächlich mehr Teilhabe und Gemeinschaft schafft oder ob es nur neue Formen von Vereinzelung und Passivität, gar Faulheit in unserer Gesellschaft hervorbringt.

Damit Resonanz wirklich entstehen kann, müsste das Grundeinkommen also Teil eines umfassenden kulturellen Wandels sein, der hin zu einer Gesellschaft führt, die Beziehungen, Zeit und Sinn höher bewertet als Leistung, Profit und Konsum. Nur wenn dieser Wandel gelingt, kann das bedingungslose Grundeinkommen mehr sein als ein wirtschaftliches Experiment, nämlich ein Schritt hin zu einer Gesellschaft, in der Menschen wieder in lebendige Beziehungen zur Welt treten können und „gutes Leben“ nicht länger aus dem Streben nach „höher, weiter, schneller, mehr“ besteht. Wo ein „gutes Leben“ Verbundenheit, Achtsamkeit und die Fähigkeit, auf einen Impuls der Welt zu antworten, bedeutet.

Freitag, 31. Oktober 2025

Hartmut Rosa über das gute Leben

Ein Beitrag von Theresa Klagholz

Wir alle streben nach dem guten Leben – einem Leben, das Sinn gibt, uns erfüllt und berührt. Doch was genau ist dieses gute Leben und warum scheint es in unserer modernen Welt beinahe unerreichbar? Mit diesen Fragen hat sich einer der bedeutendsten deutschen Soziologen, Hartmut Rosa, beschäftigt. Er fasst seine Erkenntnisse in einem Vortrag zusammen, um den es in diesem Text geht.

 

Der Vortrag ist in drei Teile gegliedert, die jeweils in einen strukturellen und einen kulturellen Aspekt untergliedert werden. Zunächst beschreibt Rosa das Weltverhältnis der Moderne auf struktureller Ebene. In diesem Zusammenhang spricht er von dynamischer Stabilisierung. Damit meint er, dass unsere Gesellschaft nur bestehen kann, wenn sie sich stetig steigert. Nur durch fortwährende Steigerung kann der Status quo erhalten werden.

Besonders deutlich sieht man das im Bereich der Wirtschaft. Kernmerkmal des kapitalistischen Systems ist Wachstum und Beschleunigung. Die Steigerungslogik, die sich in der Wirtschaft durch Gewinnmaximierung und Innovation ausdrückt, illustriert Rosa anhand der Marxschen Formel G–W–G′: Geld wird eingesetzt, um Waren zu kaufen, die anschließend weiterverkauft werden, um das Geld zu vermehren. Diese Logik liegt dem kapitalistischen System zugrunde.

Rosa verweist auch auf andere Bereiche, in denen sich dieselbe Steigerungslogik zeigt. So formuliert er die eigene Formel W–F–W′, was so viel bedeutet wie: Wissenschaft investiert in Forschung, um sich selbst zu erweitern. Diesem Beschleunigungszwang unterliegen alle gesellschaftlichen Bereiche – von der Wirtschaft über die Wissenschaft bis hin zur Kunst.

Doch Wachstum ist heute kein Ausdruck von Fortschritt mehr, wie es früher der Fall war, sondern eine Bedingung, um den Status quo zu erhalten. So hat diese Steigerungslogik, die alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen hat, ihren Sinn verloren: Sie führt nicht zur Verbesserung, sondern dient nur noch dazu, nicht zurückzufallen.

Nun könnte man einwenden, dass dieser Beschleunigungszwang allein dem Kapitalismus zuzuschreiben sei. Doch hier kommt die zweite, die kulturelle Dimension ins Spiel: Auf kultureller Ebene argumentiert Rosa mit dem Konzept der Reichweitenvergrößerung. Diese sei ein natürliches menschliches Streben – der Wunsch, sich die Welt verfügbar zu machen. Er verdeutlicht dies am Beispiel der Mobilität: Wenn man als Kind das Fahrradfahren lernt, erschließt man sich eine neue Möglichkeit, die Welt eigenständig erfahrbar und somit auch erreichbar zu machen. Mit dem Moped und Auto vergrößert sich die eigene Weltreichweite immer weiter. Das reicht bis zum Flugzeug, das selbst ferne Orte zugänglich und somit verfügbar macht.

Ähnlich ist es mit der Technik: In einer zunehmend digitalen Welt können wir uns die Welt durch Geräte wie das Smartphone verfügbar machen. Eine mit entscheidende Rolle spielt dabei das Geld, das als eine Art „Zaubermittel“ fungiert, um Welt verfügbar zu machen. Dieser unwiderstehliche Reiz der Reichweitenvergrößerung ist eine anthropologische Konstante, die in Wechselwirkung steht mit der strukturellen Konstante der dynamischen Stabilisierung.

Doch die Steigerungslogik hat auch Nebenfolgen. Rosa spricht hier von einer Desynchronisation auf struktureller Ebene. Nicht alles lässt sich gleich schnell beschleunigen, manches kann nicht im Tempo der Moderne mithalten und wird dadurch abgehängt. Ein Beispiel ist die Natur: Sie ist „zu langsam“, weshalb wir eine ökologische Krise erleben. Die Natur kann sich nicht so schnell regenerieren, wie sie genutzt wird. Daraus ergibt sich auch die Klimakrise, da die Erdatmosphäre nicht so viele Treibhausgase aufnehmen kann, wie wir produzieren.

Auch die Demokratie mit ihren längeren Entscheidungsprozessen braucht länger Zeit, als ihr durch die schnelle Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Entwicklungen zur Verfügung steht. Sie kann nicht mithalten, es entsteht eine Demokratie-Krise. Selbst innerhalb der Wirtschaft kommt es zur Desynchronisation: Finanzmärkte können binnen Sekundenbruchteilen hohe Geldsummen verschieben, während die Realökonomie nicht in diesem Tempo folgen kann.

Auf kultureller Ebene führt Rosa weitere Nebenfolgen an, die er unter dem Stichwort Entfremdung zusammenfasst. Die Logik der Reichweitenvergrößerung bewirkt paradoxerweise das Gegenteil: Statt, dass die Welt verfügbarer wird, wird sie unverfügbar und fremd. Dies zeigt sich etwa in der Klimakrise, bei der z.B. Gletscher schmelzen und uns buchstäblich Welt verloren geht. Gleichzeitig fühlen sich Menschen zunehmend überfordert. Nicht zufällig spricht man von der Psycho-Krise (burn-out). Der Mensch entfremdet sich durch Überforderung und Kontrollverlust, er wird nicht mehr berührt und die Welt weicht zurück. Rosa spricht hier von einer schweigenden Welt. Statt sich die Welt verfügbar zu machen, kommt es zu einem Weltverlust. 

Rosa erkennt die negativen Folgen des modernen Weltverhältnisses und stellt diesem ein alternatives gegenüber: Auf struktureller Ebene spricht er von adaptiver Stabilisierung. Das bedeutet, Steigerung soll nur noch dort stattfinden, wo sie tatsächlich Verbesserung bewirkt, z.B. im Kampf gegen Hunger oder Krankheiten, nicht aber, um bloß den Status quo zu sichern.

Auf kultureller Ebene prägt Rosa den Begriff der Resonanz als Gegenbegriff zum steigerungsorientierten Weltverhältnis. In der Beziehung zur Welt gehe es nicht um Anerkennung, sondern um das Andere der Entfremdung. Resonanz ist für Rosa kein emotionaler Zustand, sondern abhängig von fünf Kenrmerkmalen:

  • Der Mensch muss von etwas berührt, erreicht oder bewegt werden.
  • Er muss darauf antworten.
  • Nur wenn dabei eine Transformation und Veränderung stattfindet, also wenn man spürt „ich bin jetzt jemand anderes“, kann Resonanz gelingen.
  • Resonanz ist nicht systematisch herstellbar, weder erzwingbar noch steigerbar. Resonanz bleibt unverfügbar.
  • Sie entsteht nur unter bestimmten Voraussetzungen, wenn man verletzbar wird und sich darauf einlässt, nur dann bildet sich ein sogenannter Resonanzraum.

Rosa ist überzeugt: Eine Gesellschaft kann nur dann ein gutes Leben führen, wenn viele Resonanzmöglichkeiten im Leben bereitstehen. Doch wie kann Politik dazu beitragen? Klar ist, Politik kann die Kernmerkmale – Berührung, Antwort, Veränderung und Unverfügbarkeit – nicht direkt steuern oder beeinflussen, doch sie kann Rahmenbedingungen und Resonanzräume schaffen und fördern, in denen Resonanz möglich wird.

So könnte etwa in der Bildungspolitik die Rückkehr von G8 zu G9 Schülerinnen und Schüler entlasten, ihnen mehr Zeit und Raum für echte Erfahrungen geben und damit Resonanzmöglichkeiten schaffen. Auch politische Reformen wie eine Wirtschaftsdemokratie oder ein bedingungsloses Grundeinkommen könnten der Gesellschaft ingesamt Raum geben, zu reagieren, sich berühren zu lassen, sodass es möglicherweise zu mehr Resonanz kommen kann. Nur dann, so Hartmut Rosa, ist ein gutes Leben möglich.

Samstag, 25. Oktober 2025

Nachhaltigkeit: Individuelle Verantwortung und (konsum)gesellschaftliche Muster

Ein Beitrag von Anh Tran

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat sich unsere Gesellschaft zunehmend zu einer Konsumgesellschaft entwickelt. Materieller Wohlstand und ständiger Konsum prägen seither den Alltag vieler Menschen. Immer häufiger werden Produkte gekauft, die nicht wirklich benötigt werden, oft aus dem Wunsch heraus, gesellschaftlichen Trends zu folgen.

Mit der fortschreitenden Globalisierung und der zunehmenden Vernetzung durch digitale Technologien hat sich dieses Konsumverhalten weiter verstärkt. Waren und Dienstleistungen werden international gehandelt, wodurch der ökologische Fußabdruck maßgeblich gewachsen ist. In Anbetracht des Klimawandels, der Ressourcenknappheit und der Konsumgesellschaft stellt sich die Frage, wie nachhaltiges Handeln im Alltag gelingen kann.

Nachhaltig zu leben bedeutet weit mehr, als lediglich auf Fleischkonsum zu verzichten oder wiederverwendbare Produkte zu nutzen. Es geht vor allem darum, so zu handeln, dass die Bedürfnisse künftiger Generationen nicht beeinträchtigt werden und ökologische, soziale und ökonomische Aspekte im Einklang stehen.

Ein guter Anfang ist der Blick auf den eigenen Alltag: Ist es wirklich notwendig, mit dem Auto in die Stadt zu fahren oder kann ich auch mit dem Fahrrad fahren, um weniger Treibhausgasemissionen auszustoßen? Schon solche kleinen Veränderungen können den individuellen ökologischen Fußabdruck deutlich verringern und langfristig zu umweltfreundlicheren Lebensweisen beitragen. Des Weiteren spielt die Nachhaltigkeit auch beim Einkaufen eine zentrale Rolle. Wer regionale und saisonale Produkte einkauft, unterstützt nicht nur die heimische Wirtschaft, sondern verhindert auch lange Transportwege.

Allerdings fördert in einer globalisierten Welt das aktuelle Wirtschaftssystem, geprägt vom Neoliberalismus, stetiges Wachstum und Konkurrenz. Diesbezüglich steht dieses Denken im Widerspruch zu echter Nachhaltigkeit. Politische Entscheidungen orientieren sich oft an kurzfristigen ökonomischen Interessen statt am ökologischen Wohlstand. Aufgrund dessen bleibt Nachhaltigkeit häufig ein schönes Ideal, das in der Realität schwer umzusetzen ist.

Ein Gegenentwurf zu dieser Wachstumslogik stammt von der britischen Ökonomin Kate Raworth. In ihrem Modell der Donut-Ökonomie entwirft sie ein Konzept, wie Wirtschaft und Nachhaltigkeit miteinander vereinbar sein können. Das Modell wird sinnbildlich als Donut dargestellt. Der innere Ring symbolisiert das soziale Fundament. Jeder Mensch soll Zugang zu ausreichend Nahrung, Wasser, Bildung, Gesundheit, Einkommen und Gleichberechtigung haben. Der äußere Ring markiert die planetaren Grenzen: Klimawandel, Artensterben, Umweltverschmutzung oder Übernutzung von Böden dürfen nicht überschritten werden. Zwischen diesen beiden Ringen befindet sich das Gleichgewicht, in dem soziale Bedürfnisse erfüllt sind, ohne die ökologische Stabilität des Planeten zu gefährden.

Angesichts der globalen Herausforderungen wurden auf internationaler Ebene zahlreiche Lösungsansätze entwickelt. Ein zentrales Beispiel ist das Pariser Abkommen, in dem sich die teilnehmenden Staaten verpflichtet haben, den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur unter 2 Grad Celsius auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Ein weiteres Beispiel zeigt sich mit der Agenda 2030. Damit haben die Vereinten Nationen 17 Sustainable Development Goals (SDG) verabschiedet mit dem Ziel, die Armut zu bekämpfen, Bildung zu fördern, Gleichberechtigung zu stärken und den Klimawandel einzudämmen. Sie verdeutlichen, dass Nachhaltigkeit mehr bedeutet als Umweltschutz, denn sie ist eine globale Aufgabe, die wirtschaftliche Fairness, soziale Gerechtigkeit und ökologische Verantwortung miteinander verbinden muss.

Doch nachhaltiges Handeln verlangt mehr als politische Programme. Es fordert ein Umdenken in unseren Werten, weg von kurzfristigem Konsum, hin zu einem bewussteren, verantwortungsvolleren Lebensstil. Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern eine Haltung, und wenn man sie konsequent zu Ende denkt, ist sie sogar ein radikales Konzept. Denn sie stellt die Art infrage, wie wir leben, arbeiten und wirtschaften. Letztendlich zeigt sich, dass jede Entscheidung, die wir im Alltag treffen, ob beim Essen, beim Einkauf oder in der Mobilität, Auswirkungen hat auf unsere Umwelt.

Freitag, 24. Oktober 2025

Grundlegendes zum Nachhaltigkeitsseminar

Ein Beitrag von Alia Negendank

Wie können wir ein gutes Leben führen, ohne die natürlichen Grundlagen unseres Planeten zu zerstören? Um dieser Frage nachzugehen, beschäftigen wir uns im Seminar "Nachhaltigkeit: Klima, Wachstum, und das gute Leben" mit 3 Themenkomplexen.

  • Teil 1: Das gute Leben - hier geht es darum, was Menschen brauchen, um ein erfülltes Leben zu haben. Dabei steht im Mittelpunkt Glück, Resonanz, Beziehungen und Basisgüter.
  • Teil 2: Problemdiagnose - hier beschäftigen wir uns mit den Themen Wachstumsfixierung, Ungerechtigkeit, Artensterben, mit Problemen der Umweltpolitik und mit zwei zentralen Konzepten zur Charakterisierung unserer Gesellschaft: Konsumgesellschaft und Externalisierungsgesellschaft.
  • Teil 3: Lösungsansätze - nach der Diagnose betrachten wir Wege in eine nachhaltige Zukunft. Wir schauen uns dafür unterschiedliche Ansätze an: EU-Emissionshandel, den Green New Deal, den Schutz von Mooren und Wäldern oder technologische Ideen wie Geoengineering.

Begriff Nachhaltigkeit: Der Begriffsursprung stammt aus der Forstwirtschaft zu Beginn des 18. Jahrhunderts von Hans Carl von Carlowitz. Er wollte nicht mehr Holz schlagen, als nachwächst. Damit legte er den Grundstein für Nachhaltigkeit, da er erkannte, dass der Wald dauerhaft bestehen muss.

Was ist eine nachhaltige Gesellschaft? Unser zentrales Ziel ist eine nachhaltige Gesellschaft. Aber was heißt das überhaupt? Eine nachhaltige Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich selbst erhalten kann. Das bedeutet, sie besteht über einen längeren Zeitraum und die Ressourcen werden schonend genutzt. Der richtige Umgang mit Müll, die Wiederverwendung von Ressourcen (Recycling, Upcycling...) spielen hierbei eine wichtige Rolle. Nachhaltigkeit ist mehr als nur ein Trend – sie ist ein radikales Konzept. Eine nachhaltige Gesellschaft denkt an zukünftige Generationen, denn Nachhaltigkeit ist ein intergenerationelles Konzept. Wir müssen verantwortungsvoll handeln und dafür sorgen, dass die zukünftigen Generationen ein gutes Leben führen können. Dies wurde auch im Brundtland-Bericht 1987 „Our Common Future“ so das erste Mal international definiert und bildet seither die Grundlage.

Donut-Ökonomie: Kate Raworth visualisierte erstmals das Prinzip einer nachhaltigen Gesellschaft (Grafik siehe hier, weitere Informationen hier). Das Modell besteht aus zwei Kreisen ähnlich wie ein Donut. Der innere Kreis steht für das soziale Fundament. Er beschreibt, was Menschen für ein gutes Leben brauchen - dazu zählt Nahrung, sauberes Wasser, Bildung, Gesundheit und Einkommen. Der äußere Kreis befasst sich mit ökologischen Grenzen des Planeten. Er zeigt die Belastungsgrenze, die wir nicht überschreiten dürfen. Themen wie Klimawandel, Artenvielfalt und Wasserverschmutzung spielen hierbei eine Rolle. Das Ziel der Donut-Ökologie ist es, innerhalb beider Ringe zu bleiben.

Warum funktioniert nachhaltige Entwicklung in der Realität oft nicht? Die Ziele sind klar, doch in der Praxis stoßen wir auf mehrere Hindernisse. Ein zentraler Punkt ist, dass wir sehr wachstumsfixiert sind und viel zu viele Güter konsumieren. Viele Menschen konsumieren weit mehr Güter als sie brauchen. Der Wunsch nach Wohlstand und gutem Leben führt dazu, dass materielle Gegenstände einen hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft haben. Heutzutage ist es fast schon ein Trend, immer das neueste Handy oder die angesagtesten Klamotten zu haben. Diese Konsumgüter verschaffen uns einen gewissen Status in der Gesellschaft.

Ein weiteres Problem liegt bei der Verteilung der Verantwortung. Die meisten Mensch sehen die Verantwortung nicht bei sich. Sie denken: „Wenn ich allein mein Verhalten ändere, etwa aufs Fahrrad umsteige, während alle anderen weiterhin das Auto nutzen, bringt das nichts.“ Aus diesem Grund handeln sie nicht nachhaltig, sondern passen sich dem Verhalten der Mehrheit an. Hinzu kommt, dass nachhaltiges Handeln oft keine sofortige Belohnung bringt. Die positiven Auswirkungen zeigen sich meist erst nach vielen Jahren, was es schwierig macht, sich schon heute dafür zu engagieren.

Solange wir in der individuellen Verantwortung verharren, wird sich nichts ändern. Denn die individuelle Verantwortung reicht nicht aus, um das große Ganze zu verändern. Hier kommt die Klimapolitik ins Spiel, denn wirkliche Veränderungen sind nur auf politischer Ebene möglich. Doch auch hier stoßen wir leider auf einige Hindernisse. Es bleibt wenig Aufmerksamkeit und Zeit für Nachhaltigkeit, denn oft gibt es andere Probleme die als wichtiger empfunden werden. Außerdem verursacht Nachhaltigkeit einige Kosten, die niemand übernehmen möchte. Viele Politiker fürchten, dadurch unpopulär zu werden und so Stimmen zu verlieren und nicht wiedergewählt zu werden.

Abschließend wird deutlich, dass Nachhaltigkeit weit mehr bedeutet als nur Umweltschutz. Sie fordert ein Umdenken in unserem Verhalten, unserem Konsum und unserer Vorstellung von Wohlstand. Wenn wir lernen, achtsam mit Ressourcen umzugehen und soziale, ökologische und wirtschaftliche Aspekte miteinander zu verbinden, können wir eine lebenswerte Zukunft gestalten. Ein gutes Leben ist dann möglich, wenn es nicht auf Kosten anderer Menschen oder der Natur geht.

Donnerstag, 23. Oktober 2025

Nachhaltigkeit ist mehr als ein Trend

Ein Beitrag von Laura-Sophie Hägenläuer

"Gemeinsam machen wir Nachhaltigkeit zur normalsten Sache der Welt." Dieser Satz aus der Aldi-Werbung klingt zunächst inspirierend, aber was steckt wirklich dahinter? Ist Nachhaltigkeit heute mehr als ein Label, das man auf die Verpackung druckt? Heute hatte ich an der Uni ein spannendes Seminar über das Thema Nachhaltigkeit. Anfangs dachte ich, es geht nur um den Umweltschutz. Doch schnell wurde klar, dass der Begriff weit über reinen Umweltschutz hinausgeht. Aber was heißt es eigentlich, nachhaltig zu sein?

Der Begriff Nachhaltigkeit stammt ursprünglich aus der Forstwirtschaft aus dem Jahr 1713. Geprägt wurde er von Hans Carl von Carlowitz, der das Prinzip formulierte, nur so viel Holz zu schlagen, wie auch wieder nachwächst. Zu dieser Zeit wurde das Holz insbesondere zum Heizen und Verhütten verwendet. Durch den steigenden Bedarf wurden jedoch immer mehr Wälder abgeholzt, sodass die Bestände stark zurückgingen. Carlowitz wollte dem entgegenwirken und forderte eine nachhaltige Nutzung des Waldes. Um die Versorgung in der Zwischenzeit zu sichern, griff man zusätzlich auf Kohle als Energiequelle zurück.

Während Hans Carl von Carlowitz mit seinem Prinzip vor allem den Erhalt natürlicher Ressourcen, insbesondere der Wälder, im Blick hatte, greift der Brundtland-Bericht von 1987 diese Idee auf und führt sie weiter. Aus dem Gedanken der reinen Ressourcenschonung wird ein umfassender Ansatz: „sustainable development“, also nachhaltige Entwicklung.

„Sustainable development is development that meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“ (Brundtland-Bericht)

Damit verschiebt sich der Fokus von einem Prozess, der darauf abzielt, Bestehendes zu bewahren, hin zu einem Prozess, der auf Veränderung, Weiterentwicklung und die nachhaltige Gestaltung der Zukunft gerichtet ist. Nachhaltigkeit bedeutet also im Grunde viel mehr: Sie ist ein ganzheitliches Konzept, das immer Ökologie, Ökonomie und Soziales gemeinsam in den Blick nehmen sollte. Doch wie hat sich diese Idee auf internationaler Ebene durchgesetzt?

Der Begriff der ,,nachhaltigen Entwicklung“ erhielt durch die Rio-Konferenz („Erdgipfel“) 1992 erstmals eine klare politische Bedeutung. In Rio wurde das Konzept der nachhaltigen Entwicklung als internationales Leitbild anerkannt (siehe: https://www.bmz.de/de/service/lexikon/un-konferenz-fuer-umwelt-und-entwicklung-rio-konferenz-1992-22238).

Ein weiterer Meilenstein, um die Idee auf internationaler Ebene durchzusetzen, war das Pariser Klimaabkommen von 2015. Hier verpflichteten sich fast alle Staaten der Welt, den Klimawandel einzudämmen. Im Mittelpunkt steht das sogenannte 1,5-Grad-Ziel: Staaten wollen die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter begrenzen (siehe: https://www.bmz.de/de/service/lexikon/klimaabkommen-von-paris-14602).

Eine anschauliche Vorstellung davon, wie eine nachhaltige Gesellschaft aussehen könnte, liefert Kate Raworth mit ihrem Konzept der „Donut-Ökonomie“:

Donut-Ökonomie von Kate Raworth: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Doughnut_(economic_model).jpg

Der Innenring des Donuts steht für das soziale Fundament, also die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen, wie z.B. Wohnen, Wasser, Bildung oder Gesundheit. Der Außenring markiert die planetaren Grenzen, die die Erde nicht überschreiten darf. z.B. beim Klimawandel. Der Bereich dazwischen, der sogenannte „sichere und gerechte Raum“, zeigt den Spielraum, in dem Menschen gut leben können: Hier sind die Grundbedürfnisse erfüllt, ohne dass die ökologischen Grenzen überschritten werden.

Doch was in der Theorie so leicht klingt, ist in der Praxis leider nicht immer so einfach umzusetzen. Obwohl viele Menschen in Deutschland die Möglichkeit hätten, nachhaltig zu leben, sind sie weiterhin in einem übermäßigen Konsumverhalten gefangen. Niemand von uns braucht ständig das neueste iPhone oder jeden Monat ein neues Paar Schuhe. Doch obwohl wir die Folgen unseres Konsums kennen, handeln wir oft nicht danach.

Zusammenfassend möchte ich dazu anregen, dass jede*r sein Konsumverhalten überdenken sollte! Auch kleine Taten bewirken Großes: Wenn wir zum Beispiel weniger Plastik verwenden oder mit dem Fahrrad zur Uni fahren, können wir gemeinsam die Welt nachhaltiger gestalten.

Donnerstag, 4. September 2025

Vortrag: Nachhaltigkeit in der liberalen Demokratie

Am Mittwoch, den 24. September 2025, findet um 18:00 Uhr im Theodor-Heuss-Haus (Feuerbacher Weg 46, 70192 Stuttgart) ein Vortrag der Historikerin Prof. Dr. Elke Seefried statt zum Thema "Nachhaltigkeit in der liberalen Demokratie - Geschichte und Gegenwart". Weitere Informationen zur Veranstaltung sowie die Möglichkeit zur (kostenlosen) Anmeldung findet man hier: https://shop.freiheit.org/#!/Veranstaltung/6ttns.

Zum Thema: Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren zu einem zentralen Leitbild politischer Kommunikation geworden. Der Begriff steht nicht nur für einen Ausgleich zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Interessen, sondern auch für eine langfristig ausgerichtete Umwelt- und Klimapolitik. Wie aber lassen sich solche Zukunftsfragen in einer liberalen Demokratie verhandeln? Wie hat sich das Verhältnis zwischen parlamentarischer Entscheidungsfindung und zivilgesellschaftlichem Aktivismus in der Umwelt- und Klimapolitik entwickelt? Und schließlich: Wie kann und soll eine liberale Nachhaltigkeitspolitik angelegt sein?

Dienstag, 29. April 2025

PH-Nachhaltigkeitstage 2025

Kommende Woche (6.-8. Mai 2025) finden die Nachhaltigkeitstage der PH Ludwigsburg statt. Details zum Programm finden sich hier: Programm [pdf]

 

Dienstag, 8. April 2025

"Verkaufte Zukunft" als Lizenzausgabe bei der bpb erhältlich

Zu den besten deutschspachigen Büchern zum Themenkomplex Nachhaltigkeit zählt das Buch "Verkaufte Zukunft. Warum der Kampf gegen den Klimawandel zu scheitern droht " von Jens Beckert, das auch in den Seminaren Verwendung findet. Dieses Buch können Sie ab sofort bei der bpb für 5,- € bestellen. Auf der bpb-Website findet sich folgende Beschreibung:

"Seit Jahrzehnten ist der Zusammenhang zwischen dem Ausstoß von Treibhausgasen und der Erhitzung der Erdatmosphäre bekannt – genau wie seine potenziell desaströsen Konsequenzen. Dennoch hat die Menschheit in dieser Zeit nicht weniger, sondern immer mehr Treibhausgase ausgestoßen: In den vergangenen drei Jahrzehnten ist so viel CO₂ emittiert worden wie in den zwei Jahrhunderten zuvor. Worin liegt diese eklatante Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln begründet? Der Soziologe Jens Beckert analysiert, welche massiven Hürden moderne Gesellschaften davon abhalten, angemessen auf die Klimakrise zu reagieren: die kapitalistische, an Gewinn orientierte Wirtschaft, das auf demokratische Legitimation angewiesene politische System sowie soziokulturelle Bedingungen, die Konsum, Identität und sozialen Status eng aneinander koppeln. Da keine einfachen Auswege aus diesen strukturellen Dilemmata hinausführen, so Beckert, sei es wichtig, diese zu reflektieren und sie im politischen Handeln zu berücksichtigen. Auch wenn die Klimaerhitzung bereits Realität sei und sich ein weiterer Temperaturanstieg nicht mehr abwenden lasse, sei es nötig, Handlungspotenziale auszuloten und zu nutzen, um ihn so weit wie möglich zu begrenzen. Zugleich müssten Anpassungsmaßnahmen ergriffen werden, die den Menschen Schutz vor den Auswirkungen des Klimawandels bieten und den sozialen Zusammenhalt im Angesicht verschlechterter Lebensbedingungen stärken."

Samstag, 18. Januar 2025

PETA-Bericht: Die vegan-freundlichsten Mensen

Wer sich vegan ernährt, trägt etwas zum Natur- und Klimaschutz bei. Laut dem WWF werden "im Vergleich zur aktuellen durchschnittlichen Ernährungsweise in Deutschland […] bei einer rein pflanzlichen Ernährung [...] 48 Prozent weniger Treibhausgase ausgestoßen und der Flächenverbrauch um 50 Prozent reduziert". Das liegt daran, dass riesige Flächen, die momentan zum Anbau für Futtermittel und zur Tierhaltung genutzt werden, umstrukturiert werden könnten. Dadurch bleiben Lebensräume erhalten und Treibhausgasemissionen können reduziert werden.

Jeder Mensch hat das Recht, selbst zu entscheiden, wie er sich ernährt. Und trotzdem können Kantinen und Mensen einen Beitrag dazu leisten, Student*innen an die vegane Ernährungsweise heranzuführen oder sie dazu bringen, eine vegane Mahlzeit in der Uni einzunehmen. Das tun Studierendenwerke, die in ihrer Mensa rein vegetarisches oder veganes Essen anbieten.

PETA hat im September einen Bericht zu vegan-freundlichen Mensen in Deutschland im Jahr 2024 herausgebracht. Die Auswahl der veganen Gerichte in den Mensen steigt laut PETA von Jahr zu Jahr. 37 Studierendenwerke haben am Rennen um den Titel der vegan-freundlichsten Mensa teilgenommen. Die vegan-freundlichsten Mensen wurden mit bis zu fünf Sternen bewertet. Mit fünf Sternen gewonnen haben die:

  • Mensa Veggie 2.0 des Studierendenwerks Berlin
  • Mensa Rote Beete des Akademischen Förderungswerks Bochum

Jetzt bleibt nur noch die interessante Frage: Hat das Studierendenwerk Stuttgart nicht teilgenommen oder keine Sterne für seine Mensen erhalten?

Quelle:

Mittwoch, 15. Januar 2025

Nachhaltigkeit im Second-Hand-Kaufhaus in Stuttgart

Das Second-Hand-Sozialkaufhaus in Stuttgart-Wangen vereint ökologische und soziale Aspekte. Hier bekommen gebrauchte Kleidungsstücke eine zweite Chance, wodurch Abfall reduziert und Ressourcen geschont werden. Angesichts der immer schlechter werdenden Qualität der Kleidung, die im Fast-Fashion-Zyklus produziert wird, haben viele Vintage-Artikel im Kaufhaus eine deutlich längere Lebensdauer als aktuelle Neuware.

Das Kaufhaus fördert nicht nur Nachhaltigkeit, sondern bietet auch günstige Einkaufsmöglichkeiten für einkommensschwache Menschen sowie Schülerinnen und Studierende. Mit einer Bonuskarte erhalten einkommensschwache Menschen 30 Prozent Rabatt auf ihren Einkauf, während Schülerinnen und Studierende jeweils 20 Prozent erhalten.

Ein Teil der Erlöse wird an „Brot für die Welt“ in Brasilien gespendet, wodurch das Kaufhaus auch international solidarisch handelt. Durch die regionale Sammlung von Waren werden Transportwege und Umweltbelastungen reduziert.

Insgesamt bietet das Kaufhaus eine umweltbewusste und soziale Einkaufsalternative, die sowohl der Gemeinschaft als auch der Umwelt zugutekommt. Zusätzlich ist das Kaufhaus ein Inklusionsbetrieb, in dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam arbeiten.

Links:

Sonntag, 5. Januar 2025

Oxfam Shops

Oxfam Shops (https://shops.oxfam.de) sind Secondhand-Läden, die bereits getragene Kleidung und überschüssige Dinge wie Accessoires, Bücher, Medien etc. an neue Besitzer:innen verkaufen. So finden die ausrangierten Klamotten und Gegenstände noch einen neuen Nutzen und wertvolle Ressourcen werden geschont. Die Mitarbeiter:innen der Shops arbeiten ehrenamtlich. Die Erlöse des Verkaufs fließen in Nothilfe, Entwicklungsprojekte und Kampagnen.

Als Privatperson kann man einerseits seine überschüssigen, aber noch gut erhaltenen Klamotten etc. an einen Oxfam Shop spenden und somit einen Beitrag gegen unsere Wegwerfgesellschaft leisten. Andererseits kann man in Oxfam Shops zu günstigen Preisen nachhaltig einkaufen und dabei entwicklungspolitische Arbeit unterstützen. In Deutschland gibt es ein bundesweites Netz von Oxfam Shops mit insgesamt 55 Läden. In Stuttgart befinden sich beispielsweise zwei Shops.

Ziel der Läden ist, die Umwelt zu entlasten, indem gebrauchte Dinge wieder verwendet werden, dem wachsenden Konsum entgegenzuwirken und somit wertvolle Ressourcen zu schonen. Durch das Spenden der Finanzmittel unterstützen sie zusätzlich Menschen, die in Armut leben.

Foodsharing-Café in Stuttgart

Das Foodsharing-Café „Raupe Immersatt“ befindet sich im Stuttgarter Westen in der Johannesstraße 97 und stellt das erste Foodsharing-Café Deutschlands dar. Das Café gibt es seit 2019 und es hat seitdem ca. 50 Tonnen Lebensmittel gerettet und an Besucher:innen des Cafés verteilt.

Foodsharing rettet genießbare Lebensmittel vor dem Müll und stellt sie dem menschlichen Verzehr zur Verfügung. Im Café werden kostenlos gerettete Lebensmittel angeboten. Dem Verein ist Regionalität und Qualität bei ihren angebotenen Produkten wichtig. Es gibt daher nachhaltige und regionale Getränke aus der Umgebung wie zum Beispiel Demeter-Limonaden und biologische Kaffee-Spezialitäten.

Das Café hat ein offenes und solidarisches Preismodell. Jeder Gast entscheidet selbst, wie viel er oder sie für die konsumierten Getränke bezahlen möchte. Zudem finden im Café regelmäßig Veranstaltungen wie Lesungen, Konzerte, Kunstausstellungen und Kochkurse statt.

Durch ein Startkapital von 26.000 €, das im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne eingesammelt wurde, konnte das Café aufgebaut werden. Es handelt sich nun um einen gemeinnützigen Verein, der sich selbst trägt. Miete, Betriebskosten und Gehälter sind durch den Getränkeverkauf gedeckt.

Das Foodsharing-Café Raupe Immersatt ist nicht nur ein Ort der Begegnung, sondern auch ein nachhaltiges Projekt, das sich für mehr Wertschätzung von Lebensmitteln und einen achtsamen Umgang mit Ressourcen einsetzt.

Quellen:

Dienstag, 17. Dezember 2024

Ist TRIGEMA nachhaltig?

Die globale Textilindustrie steht zunehmend im Fokus der Nachhaltigkeitsdebatte, insbesondere hinsichtlich umweltfreundlicher Produktionsprozesse. Angesichts der eskalierenden ökologischen Herausforderungen und der steigenden Konsumentennachfrage nach umweltverträglichen Produkten gewinnt die Pionier- und Vorbildfunktion von Unternehmen wie TRIGEMA an Bedeutung. TRIGEMA, ein 1919 gegründetes deutsches Traditionsunternehmen, hat sich durch nachhaltige Praktiken und Engagement für lokale Produktion profiliert (Die TRIGEMA Geschichte, 2024).

Diese Seminararbeit untersucht die Nachhaltigkeit von TRIGEMA und analysiert die Maßnahmen des Unternehmens zur Förderung umweltfreundlicher Textilproduktion. Die Textilindustrie ist für ihren erheblichen Ressourcenverbrauch und ihre Umweltbelastung bekannt, insbesondere durch Wasserverschmutzung bei Färbeprozessen und Abfallproduktion im Kontext von Fast Fashion. Nachhaltigkeit in diesem Sektor erfordert nicht nur die Minimierung von Schadstoffen und Abfällen, sondern auch die Förderung einer Kreislaufwirtschaft, die das Recycling oder die Kompostierung von Produkten am Ende ihres Lebenszyklus ermöglicht (Umweltauswirkungen von Textilproduktion und -abfällen, 2020). Innovative Konzepte wie Cradle-to-Cradle, die von Unternehmen wie TRIGEMA angewandt werden, zielen auf die Herstellung vollständig biologisch abbaubarer Kleidung ab, um Abfälle zu vermeiden (Umwelt & Ressourcen, 2024).

Die vorliegende Untersuchung wird die Nachhaltigkeitsstrategien von TRIGEMA analysieren und bewerten. Dabei wird untersucht, inwiefern das Unternehmen durch seine Produktionsmethoden und Materialauswahl zur Reduzierung von Umweltbelastungen beiträgt. Ein Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung der TRIGEMA-Produkte und deren Einfluss auf die Umweltverträglichkeit. Darüber hinaus wird die soziale Verantwortung des Unternehmens betrachtet, einschließlich der Arbeitsbedingungen und der lokalen Produktion in Deutschland. Im Rahmen der Arbeit wurde der technische Leiter von TRIGEMA zu potenziellen Verbesserungen und zukünftigen Projekten befragt. In der Schlussbetrachtung wird TRIGEMAs potenzielle Vorbildfunktion für Nachhaltigkeit in der Textilbranche betrachtet.

Donnerstag, 12. Dezember 2024

Too Good To Go

Das Ziel dieses Projekts ist es, die Verschwendung von Lebensmitteln zu reduzieren. Nutzer in der Nähe von teilnehmenden Restaurants, Cafés, Supermärkten und Bäckereien haben die Möglichkeit, mit Hilfe einer App zu erkennen, welche Geschäfte übrig gebliebene Lebensmittel anbieten, und diese direkt zu reservieren. Das Konzept trägt zur Schonung von Ressourcen bei und sensibilisiert für das Problem der Lebensmittelverschwendung. Die wesentlichen Vorteile sind:
  • Es wird verhindert, dass genießbare Lebensmittel weggeworfen werden.
  • Für die Produktion und Entsorgung von Nahrungsmitteln werden kostbare Ressourcen wie Wasser und Energie verwendet.
  • Nutzer haben die Möglichkeit, qualitativ hochwertige Nahrungsmittel zu einem niedrigeren Preis zu kaufen, was vor allem in Zeiten steigender Lebenshaltungskosten von Vorteil ist.
  • Restaurants, Cafés, Bäckereien und Supermärkte haben die Möglichkeit, Verluste zu reduzieren und gleichzeitig zur Nachhaltigkeit beizutragen, indem sie überschüssige Lebensmittel verkaufen.
  • Das Konzept hilft dabei, die Lebensdauer der Produkte zu verlängern und unterstützt die Förderung eines Umdenkens in Richtung einer ressourcenschonenderen Konsumgewohnheit.
  • Die App ist leicht zu bedienen und erleichtert es Konsumenten, nachhaltige Entscheidungen in ihren Alltag einzubringen.
  • Durch das Projekt werden alle Beteiligten ermutigt, verantwortungsvoll mit Lebensmitteln umzugehen.

„Jede Mahlzeit, die durch Too Good To Go vor der Verschwendung bewahrt wird, steht für 2,7 kg vermiedene CO2-Emissionen, die Vermeidung des Verbrauchs von 810 Litern Wasser sowie der Vermeidung von 2,8 m2 Landnutzung für ein Jahr.“

Fazit: Too Good To Go ist ein gutes Beispiel dafür, wie soziale Innovation und Technologie zur Förderung von Nachhaltigkeit beitragen können. Es ist nicht nur eine praktische Lösung für das Problem der Lebensmittelverwendung. Es hat weltweit Menschen erreicht, ein Bewusstsein für nachhaltigen Konsum geweckt und bereits messbare ökologische und wirtschaftliche Effekte erzielt.

Quelle: https://www.toogoodtogo.com/de/

Dienstag, 10. Dezember 2024

Mobile und nachhaltige Toiletten

Ein unbeliebter Begleiter auf Veranstaltungen sind die Dixi-Toiletten. Auf Festivals, Baustellen und Open-Air-Events sind die mobilen Plastik-Toiletten häufig zu finden. Um den Geruch der Toiletten zu überdecken, werden Chemikalien eingesetzt, doch selbst mit diesen Chemikalien werden die Gerüche meist nicht ausreichend überdeckt. Die Chemikalien gelangen häufig in die Umwelt und schädigen Natur und Wildtiere.

Das Start-Up „Eco Toiletten” aus Rüdersdorf bei Berlin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Festivals und andere Orte, an denen mobile Toiletten gebraucht werden, angenehmer und nachhaltiger zu machen. Statt Chemikalien zu nutzen oder mit Wasser zu spülen, wirft man hier nach jedem Toilettengang eine handvoll Holzspäne nach. Es überdeckt Gerüche und Hinterlassenschaften.

Bei den Eco-Toiletten werden ausschließlich ökologisches Toilettenpapier und Holzspäne verwendet. Vorteil ist: es wird kein Wasser benutzt. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Fäkalien verwertbar gemacht werden, um diese als Kompost weiterverwenden zu können.

Dem Vorurteil und der Angst, Fäkalien als Kompost zu verwenden, treten die Gründer des Start-Ups entgegen. Sie klären auf, dass Bedenken, dass dadurch Krankheiten ausbrechen könnten, auf das Mittelalter zurückgehen. Zu dieser Zeit hatte man keine Möglichkeit, Krankheitserreger zu erkennen. Heute ist dies jedoch möglich und aus diesem Grund ist die Verwendung als Kompostmaterial unbedenklich.

Ein weiterer Vorteil: Die mobilen Toiletten des Start-Ups sind nicht aus Plastik, sondern aus Holz und somit nachhaltiger.

https://www.relaio.de/menschen/eco-toiletten-nachhaltige-alternativen-zum-stillen-oertchen/