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Samstag, 17. Januar 2026

Eine Jahrhundertchance: der Green New Deal

Ein Beitrag von Saskia Grimmeisen 

Klimakatastrophen überall auf der Welt zeigen uns, wie weit fortgeschritten der Klimawandel bereits ist. Waldbrände und andere Extremwetterereignisse bis zum Anstieg des Meeresspiegels sorgen dafür, dass die globale Klimakrise nicht mehr zu ignorieren ist.

Naomi Klein, eine kanadische Autorin und Aktivistin, ist eine starke Stimme für Klimapolitik und setzt sich für Klimagerechtigkeit ein. Sie ist Unterstützerin für das Ideenkonzept des Green New Deal, der seit ein paar Jahren mehr und mehr Beachtung bekommt. Den Green New Deal sehen viele als wirkungsvollen Lösungsansatz, um gegen den schnell fortschreitenden Klimawandel anzukommen. Die bisherige Klimapolitik wird massiv kritisiert. Aktuelle Maßnahmen wirken zu langsam und sind zu klein gedacht. Außerdem greifen die Maßnahmen nur in bestimmten Bereichen im Wirtschaftssystem. Das eigentliche Ziel müsste es sein, das gesamte Wirtschaftssystem neu und klimafreundlicher aufzubauen.

Aus diesen Gründen vertritt Naomi Klein den politischen Ansatz des Green New Deal. Grundlage des Konzepts ist der New Deal, den Franklin D. Roosevelt in den 1930er Jahren in den USA umsetzte. Damals herrschte eine Wirtschaftskrise und Roosevelt reagierte mit großen staatlichen Programmen. Der Green New Deal, eine Fortführung des New Deals, fokussiert sich auf die Klimapolitik und soziale Gerechtigkeit, aber mit ebenso großen Umbrüchen in der Politik. Es geht darum, durch unterschiedlichste Maßnahmen die Wirtschaft und die Gesellschaft neu aufzubauen, damit sie klimafreundlich funktionieren und soziale Gerechtigkeit gewährleisten. Naomi Klein beschreibt in neun Gründen die Möglichkeiten, die der Green New Deal für die Bevölkerung hätte.

(1) Investitionen in erneuerbare Energien werden viele Arbeitsplätze schaffen, viel mehr, als es die fossilen Energien könnten. Es gibt einige Studien, die dies belegen, wie beispielsweise eine Studie des Bundesstaates Colorado von 2019, bei der ein Programm im Stil des Green New Deal mehr Stellen schafft, als in Folge der Umstrukturierung verloren gehen.

(2) Die Umsetzung des Green New Deal wird hohe Kosten verursachen. Aber die wirtschaftlichen Schäden ohne den Green New Deal werden sich auf viel höhere Kosten belaufen. Es gibt außerdem einige Ideen für die Finanzierung, dabei funktionieren viele nach dem Verursacher-Prinzip. Das Prinzip besagt, dass die Verursacher der Klimakatastrophe den größten Beitrag zum Klimaschutz leisten sollen, um den Schaden wiedergutzumachen, der zu einem erheblichen Teil von ihnen verursacht wurde. Das könnten Schadensersatzzahlungen sein oder höhere Lizenzgebühren und die Abschaffung von Subventionen. Weitere Finanzierungsmöglichkeiten sind öffentliche Investitionen in umweltfreundliche Anleihen, eine Senkung der Militärausgaben im Verteidigungshaushalt und die Verlagerung von Subventionen der Fossilindustrie in Subventionen für erneuerbare Energien.

(3) Die Klimakrise sollte als Notstand angesehen werden. Schon alleine der Begriff würde für mehr Bewusstsein und Aufmerksamkeit sorgen. Das Thema könnte zudem so an Wichtigkeit zunehmen. Ein Notstand hätte sofortiges Handeln zur Folge, anstatt nur über mögliche Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren. Auch könnte die Erleichterung vieler Menschen, dass die Klimakrise ernst genommen wird, in Tatendrang und Engagement übergehen, sodass das politische Handeln beschleunigt wird.

(4) Politiker setzten sich in ihren Regierungsperioden bisher immer relativ leicht umsetzbare Ziele wie zum Beispiel die Regelung des Emissionshandels und gaben die Verantwortung schwieriger Klimaziele an ihre Nachfolger weiter. Der wichtigsten politischen Aufgabe im Zusammenhang mit dem Green New Deal, nämlich das komplette Wirtschaftsmodell umzukrempeln, stellte sich bisher niemand. Der Green New Deal würde dem entgegenwirken. Eine Frist von wenigen Jahren, die der Green New Deal fordert, würde Politiker dazu zwingen, sich ehrgeizigere Ziele zu setzen und Verantwortung zu übernehmen.

(5) Der Green New Deal bietet zudem Konjunktursicherheit. Durch die vielen neuen Arbeitsplätze wird die Wirtschaft stimuliert. Falls also die Weltwirtschaft einen Abschwung oder Krisen erfährt, würde der Green New Deal nicht an Unterstützung verlieren, weil er selbst Lösungen für Konjunkturschwierigkeiten bereithält wie zum Beispiel Arbeitsplätze.

(6) Durch die Verbindung des Klimaschutzes mit sozialer Sicherheit wirkt der Green New Deal Protestreaktionen entgegen. Wie man beispielsweise in Frankreich mitbekam, wurden Klimaschutzmaßnahmen wie die Benzinsteuer auf Kosten der arbeitenden Gesellschaft eingeführt, da es keine Ausgleichsmaßnahmen gab. Das empfanden viele Menschen als unfair und es kam zu Protesten wie der Gelbwestenbewegung. Mit dem Green New Deal müssen die Menschen nicht zwischen ihren eigenen Problemen und den Problemen des Planeten entscheiden, sie können beides gleichzeitig angehen. Durch tariflich abgesicherte Jobs und Zugang zu Gesundheitsfürsorge, Bildung und Kindertagesstätten wird ihnen eine große Last abgenommen.

(7) Soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit wird die Umsetzung des Green New Deals erleichtern. Denn durch die Verbindung von Klimapolitik und sozialer Gerechtigkeit werden die Bedürfnisse benachteiligter Gemeinschaften wie Ungleichheit, Luftverschmutzung und unfaire Arbeitsbedingungen Beachtung bekommen.

(8) Konkrete Projekte haben die Fähigkeit, ideologische Trennungen zu überwinden. Naomi Klein zieht als Beispiel die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Franklin D. Roosevelts heran, die er im Zuge des New Deal-Programms umsetzte. Er siedelte beispielsweise Camps des Civilian Conservation Corps in ländlichen Regionen an, die ihn damals nicht gewählt hatten. Die Menschen dort sollten die Vorteile des New Deal am eigenen Leib erfahren, um sich nicht mehr blind den Republikanern anzuschließen. Viele wählten daraufhin demokratisch. Der Green New Deal bietet konkrete Verbesserungen wie mehr Arbeitsplätze, sauberes Wasser, gesunde Böden und andere Ressourcen, wodurch alle Menschen sichtbar und sofort profitieren, egal was Leugner des Klimawandels sagen könnten.

(9) Die Hoffnungslosigkeit, der Klimawandel sei schon zu fortgeschritten und man könne nichts mehr tun, ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Wichtig zu wissen ist aber, dass das Konzept des Green New Deal nicht bei Null anfängt. Weltweit gibt es schon viele Gemeinschaften, Organisationen und Projekte, die eine sozial und wirtschaftlich gerechte Klimapolitik erproben oder bereits erreicht haben. Beispiele sind kommunale Umweltprojekte oder die Lebensweise von indigenen Gemeinschaften. Der Green New Deal hat viele Erfahrungswerte, auf die er zurückgreifen kann.

Naomi Klein macht deutlich, dass der Klimaschutz und das Ziel einer Erderwärmung unter 1,5 Grad nur durch radikale gesellschaftliche und politische Umbrüche erreichbar ist. Das Konzept des Green New Deal gibt es genau dafür, als Klimaschutzprogramm unter Berücksichtigung der sozialen Gerechtigkeit. Und deswegen kann er die Unterstützung weiter Teile der Gesellschaft bekommen, denn im Gegensatz zur jetzigen Situation in der Klimapolitik werden soziale Bedürfnisse ernst genommen. Die kurze Zeit, die der Green New Deal zur Umsetzung vorsieht, führt zu einer Mobilisation der Gesellschaft. Es ist eine große Chance, die Klimakatastrophe und soziale Ungerechtigkeiten gleichermaßen anzugehen und eine Perspektive für die Zukunft zu schaffen.

Literatur:

Klein, Naomi (2023): Radikal machbar: Neun Gründe für einen Green New Deal; in: Blätter für deutsche und internationale Politik (Hg.), Heiße neue Welt. Der Planet am Limit, Blätter, S. 193-203.

Montag, 18. Juli 2022

Green New Deal

Der Green New Deal ist das wohl größte Projekt, das sich die EU bislang vorgenommen hat. Europa soll als erstes Kontinent klimaneutral werden und somit die wirtschaftliche Entwicklung in eine andere Richtung lenken. Durch Maßnahmen in allen Politikfeldern soll dies ermöglicht werden. Wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Ziele sollen miteinander verwoben werden (vgl. Dröge).

Die 27 EU-Mitgliedstaaten wollen bis 2050 klimaneutral werden. Zu Beginn sollen die Treibhausgasemissionen bis 2030 um mindestens 55% gegenüber dem Stand von 1990 sinken. Um das gemeinsam schaffen zu können, müssen Wirtschaft und Gesellschaft in vielen Bereichen neu ausgerichtet werden.

Montag, 30. Mai 2022

Der European Green Deal

Der European Green Deal ist ein Konzept der Europäischen Union, das 2019 von Ursula von der Leyen vorgestellt wurde. Ziel des Green Deals ist es, dass Europa als erster Kontinent bis zum Jahr 2050 klimaneutral wird. Dabei sollen verschiedene Maßnahmen in unterschiedlichen Politikfeldern ergriffen werden, um eine möglichst breite Abdeckung zu erzielen. Es ist ein ganzheitlicher und sektorenübergreifender Ansatz erforderlich, bei dem alle relevanten Politikbereiche zum übergeordneten Klimaziel beitragen (Generalsekretariat des Rates 2022). Wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Ziele werden miteinander verwoben, um die EU durch den Green Deal zukunftsfest zu machen (vgl. Dröge 2022).

„Der Green Deal ist die ehrgeizigste Agenda, die sich die EU je gegeben hat. Die Kommission verfolgt nicht bloß den Klimaschutz als Ziel, sondern will durch den Deal auch wirtschaftlich und geopolitisch zu den USA und China aufschließen“ (ebd.).

Montag, 24. Januar 2022

Aktuelle APuZ-Ausgabe zu "Green New Deals"

1972, vor 50 Jahren, ist der Bericht "Grenzen des Wachstums" erschienen. Aus diesem Anlass widmet sich die aktuelle Ausgabe von "Aus Politik und Zeitgeschichte" (APuZ 3-4/2022) dem Thema "Green New Deals". Darin enthalten sind u.a. die folgenden lesenswerten Aufsätze:

  • Klaus Dörre: Alle reden vom Klima. Perspektiven sozial-ökologischer Transformation - CO2-Emissionen sind ungleich verteilt – zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, aber auch innerhalb der Industriestaaten. Eine Transformation muss daher auch die innergesellschaftliche Ungleichheit angehen, oder sie wird scheitern.
  • Thomas Döring: 50 Jahre "Grenzen des Wachstums". Von der Wachstums- zur Post-Wachstumsökonomie? - Der Bericht an den Club of Rome von 1972 ist ein Meilenstein in der Analyse des unbegrenzten Wirtschaftswachstums. Auf ihm fußen wachstumskritische Ansätze, aber auch Alternativen zum BIP als der wichtigsten ökonomischen Kennzahl.
  • Susanne Dröge: Der europäische Green Deal. Ziele, Hintergründe und globale Dimension - Der Green Deal ist die ehrgeizigste Agenda, die sich die EU je gegeben hat. Die Kommission verfolgt nicht bloß den Klimaschutz als Ziel, sondern will durch den Deal auch wirtschaftlich und geopolitisch zu den USA und China aufschließen.
  • Rainer Land: Entwicklung statt Wachstum - Statt einen Rückbau der Wirtschaft braucht es eine ökologische Wirtschaftsentwicklung, mit der durch umweltkompatible Innovationen und nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung eine wirkliche sozial-ökologische Transformation erreichbar ist.
  • Johannes Müller-Salo, Rupert Pritzl: Klimaschutz durch Innovation und Marktwirtschaft - Klimapolitik muss den Kriterien Effizienz und Gerechtigkeit genügen. Anstatt immer ehrgeizigere Klimaziele auszurufen, sollte die Politik die Instrumente und deren gesellschaftliche Kosten hinterfragen und offen diskutieren.
  • Birgit Mahnkopf: Der große (Selbst-)Betrug. "Klimaneutralität" durch "grünes Wachstum" - Essay - Der Green Deal der EU-Kommission führt das wachstumsorientierte Wirtschaftsmodell fort – unter fadenscheinigen grünen Vorzeichen. Für eine wirkliche Transformation müssten Politik und Gesellschaft die planetaren Ressourcen der Marktlogik entziehen.

Freitag, 25. September 2020

Der Green New Deal - die Rettung vor der globalen Klimakatastrophe?

Wissenschaftler*innen warnen uns: wir befinden uns mitten im sechsten großen Massenaussterben der Erdgeschichte. Der weltweite Zusammenbruch des Klimas stellt keine ferne Bedrohung mehr da, sondern die erlebte Realität (vgl. Klein 2019, S.15).

Diesbezüglich fordert nicht nur Deutschland, sondern auch die USA, Großbritannien und weitere Länder einen Green New Deal, der die Rettung vor der globalen Klimakatastrophe verheißt. Es besteht aber längst noch keine Einigkeit darüber, wie dieser Green New Deal, der den New Deal von US-Präsident Roosevelt zum Vorbild hat, aussehen und umgesetzt werden soll. Es gibt verschiedene Ansätze, wie genau sich ein Green New Deal gestalten könnte und wie er uns vor der globalen Klimakatastrophe schützen soll. Das Herzstück des Green New Deal stellt die Wende auf Basis einer smarten grünen Infrastruktur hin zur kohlenstofffreien Wirtschaft der dritten industriellen Revolution dar (vgl. Rifkin 2019, S.41).

Der New Deal stammt aus den 30er Jahren aus den USA. Damals wurde Franklin D. Roosevelt Präsident zu Zeiten einer schwerwiegenden Weltwirtschaftskrise. Roosevelt sorgte mit seinem erfolgreichen New Deal für eine Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik (vgl. Löhle 2020). 2007 knüpfte Thomas Friedman an das Konzept des New Deal in einem Artikel in der New York Times an und prägte den Begriff des „Green New Deal“ wesentlich. Er beschrieb den Kampf gegen den Klimawandel durch den Umstieg von fossilen auf erneuerbare Energiequellen und entwickelte eine Idee der „Grünen Revolution“:

„Wenn wir das Blatt beim Klimawandel wenden und unsere Ölabhängigkeit beenden wollen, brauchen wir von allem mehr: Sonne, Wind, Wasser, Ethanol, Biodiesel, saubere Kohle- und Kernkraft und Umweltschutz. Es braucht einen Green New Deal, denn all diese Technologien soweit zu fördern, dass sie wirklich groß sind, wäre ein riesiges Industrieprojekt“ (Friedman 2007).

Friedman setzt dabei auf staatliche Vorschriften, die dafür sorgen sollen, dass Unternehmen zu Innovationen und höheren Preisen gezwungen werden (ebd.). Seitdem wird immer wieder vom Green New Deal gesprochen. Mehr als 10 Jahre später, 2018, prägte das Sunrise-Movement in den USA den Begriff neu. Die US-Klimaaktivist*innen forderten bis 2035 100 prozentige erneuerbare Energien, maximale Effizienzsteigerung im Gebäudesektor, ein Nullemissionstransportsystem, Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung für alle Bürger*innen und Weiterbildungsprogramme, wie einst bei Roosevelt (vgl. Löhle 2020).