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Montag, 3. November 2025

Bedingungsloses Grundeinkommen und das gute Leben

Ein Beitrag von Helena Grammer 

Höher, weiter, schneller, mehr … das weltweit dominierende System des Kapitalismus ist auf dauerhaftes Wachstum, Gewinn und daraus resultierendem Wohlstand ausgerichtet. Inzwischen ist lange bekannt, dass es so wie wir wirtschaften, so wie wir leben nicht lange weitergehen kann. Vor allem der menschengemachte Klimawandel führt dazu, dass unser Lebensstandard immer schwieriger zu steigern ist. Das Versprechen der Moderne, dass es der kommenden Generation besser geht, scheint verloren.

Die Anleitung zu einem neu definierten „guten Leben“ oder jedenfalls den Impuls für eine Anleitung finden wir in den Ideen von Hartmut Rosa zur„Resonanz“ (siehe vorheriger Beitrag hier im Blog). Er beschreibt Resonanz als eine wechselseitige, lebendige Beziehung zwischen Mensch und Welt, in der wir uns berühren lassen und darauf reagieren beziehungsweise antworten können. Resonanz bedeutet dabei nicht Kontrolle oder Harmonie, sondern ein offenes Antwortverhältnis, das nur unter Bedingungen von Zeit, Achtsamkeit und Offenheit entstehen kann, aber unverfügbar bleibt.

Was dem entgegensteht, ist laut Rosa die Logik der Beschleunigung, durch die unsere Gesellschaft dynamisch stabilisiert und angetrieben wird. Resonanz soll also der Gegenentwurf zur aus dieser Beschleunigung resultierenden Entfremdung sein und eine Grundlage des „guten Lebens“ bilden, das sich nicht im Haben, sondern im In-Beziehung-Sein erfüllt.

Wenn nun Resonanz das Ziel ist, um gut zu leben, so ist die Handlungsanweisung für politische Entscheidungsträger, die daraus resultiert, es der Bevölkerung zu vereinfachen und sich Fragen zu widmen, die klären, wie Menschen Zeit, Ruhe und Sicherheit finden, um in echte Beziehungen zur Welt (und zueinander) treten zu können.

Ein schon lange diskutierter, vielversprechender Ansatz ist dabei das bedingungslose Grundeinkommen: Ein Konzept, das jedem eine ausreichende Grundsicherung zukommen lässt, um von Existenzängsten zu befreien. Das bedingungslose Grundeinkommen könnte also einen gesellschaftlichen Resonanzraum schaffen, und zwar dadurch, dass es die materielle Sicherheit, die notwendig ist, um den permanenten Druck zu durchbrechen, herstellt, so dass Sorgen vor finanziellem Ruin und sozialem Abstieg abgemildert werden können.

Wer nicht mehr aus Angst handelt, gewinnt Zeit und Freiheit, kann Tätigkeiten nachgehen, die als sinnstiftend empfunden werden, Beziehungen pflegen und sich mit der Welt verbunden fühlen. Das Verständnis von Mensch, Arbeit und Umwelt soll sich umgestalten: weg von der Logik, die „höher, weiter, schneller, mehr“ verlangt, hin zu einer Kultur der Achtsamkeit und des In-Beziehung-Seins. Zwar entsteht Resonanz dadurch nicht automatisch, aber die Bedingungen, unter denen sie möglich werden kann, werden deutlich verbessert und sind geprägt von Entschleunigung, Selbstbestimmung und sozialer Teilhabe.

Doch so überzeugend diese Vorstellung auch klingt, bleibt unsicher, ob das bedingungslose Grundeinkommen tatsächlich halten kann, was es verspricht. Es ist nicht garantiert, dass eine finanzielle Absicherung automatisch zu mehr Resonanz führt. Sie kann zwar Sorgen und Ängste mildern, ersetzt aber keine Haltung der Offenheit oder Achtsamkeit, die Resonanz erst ermöglicht. Resonanz ist nicht plan- oder garantierbar. Zudem besteht die Gefahr, dass ein solches Grundeinkommen innerhalb der von Rose skizzierten Wachstumslogik nur als Mittel zur Steigerung von Konsum und Stabilisierung des Marktes dient. Auch sozialpolitisch bleibt unklar, ob ein bedingungsloses Grundeinkommen tatsächlich mehr Teilhabe und Gemeinschaft schafft oder ob es nur neue Formen von Vereinzelung und Passivität, gar Faulheit in unserer Gesellschaft hervorbringt.

Damit Resonanz wirklich entstehen kann, müsste das Grundeinkommen also Teil eines umfassenden kulturellen Wandels sein, der hin zu einer Gesellschaft führt, die Beziehungen, Zeit und Sinn höher bewertet als Leistung, Profit und Konsum. Nur wenn dieser Wandel gelingt, kann das bedingungslose Grundeinkommen mehr sein als ein wirtschaftliches Experiment, nämlich ein Schritt hin zu einer Gesellschaft, in der Menschen wieder in lebendige Beziehungen zur Welt treten können und „gutes Leben“ nicht länger aus dem Streben nach „höher, weiter, schneller, mehr“ besteht. Wo ein „gutes Leben“ Verbundenheit, Achtsamkeit und die Fähigkeit, auf einen Impuls der Welt zu antworten, bedeutet.

Freitag, 31. Oktober 2025

Hartmut Rosa über das gute Leben

Ein Beitrag von Theresa Klagholz

Wir alle streben nach dem guten Leben – einem Leben, das Sinn gibt, uns erfüllt und berührt. Doch was genau ist dieses gute Leben und warum scheint es in unserer modernen Welt beinahe unerreichbar? Mit diesen Fragen hat sich einer der bedeutendsten deutschen Soziologen, Hartmut Rosa, beschäftigt. Er fasst seine Erkenntnisse in einem Vortrag zusammen, um den es in diesem Text geht.

 

Der Vortrag ist in drei Teile gegliedert, die jeweils in einen strukturellen und einen kulturellen Aspekt untergliedert werden. Zunächst beschreibt Rosa das Weltverhältnis der Moderne auf struktureller Ebene. In diesem Zusammenhang spricht er von dynamischer Stabilisierung. Damit meint er, dass unsere Gesellschaft nur bestehen kann, wenn sie sich stetig steigert. Nur durch fortwährende Steigerung kann der Status quo erhalten werden.

Besonders deutlich sieht man das im Bereich der Wirtschaft. Kernmerkmal des kapitalistischen Systems ist Wachstum und Beschleunigung. Die Steigerungslogik, die sich in der Wirtschaft durch Gewinnmaximierung und Innovation ausdrückt, illustriert Rosa anhand der Marxschen Formel G–W–G′: Geld wird eingesetzt, um Waren zu kaufen, die anschließend weiterverkauft werden, um das Geld zu vermehren. Diese Logik liegt dem kapitalistischen System zugrunde.

Rosa verweist auch auf andere Bereiche, in denen sich dieselbe Steigerungslogik zeigt. So formuliert er die eigene Formel W–F–W′, was so viel bedeutet wie: Wissenschaft investiert in Forschung, um sich selbst zu erweitern. Diesem Beschleunigungszwang unterliegen alle gesellschaftlichen Bereiche – von der Wirtschaft über die Wissenschaft bis hin zur Kunst.

Doch Wachstum ist heute kein Ausdruck von Fortschritt mehr, wie es früher der Fall war, sondern eine Bedingung, um den Status quo zu erhalten. So hat diese Steigerungslogik, die alle gesellschaftlichen Bereiche durchdrungen hat, ihren Sinn verloren: Sie führt nicht zur Verbesserung, sondern dient nur noch dazu, nicht zurückzufallen.

Nun könnte man einwenden, dass dieser Beschleunigungszwang allein dem Kapitalismus zuzuschreiben sei. Doch hier kommt die zweite, die kulturelle Dimension ins Spiel: Auf kultureller Ebene argumentiert Rosa mit dem Konzept der Reichweitenvergrößerung. Diese sei ein natürliches menschliches Streben – der Wunsch, sich die Welt verfügbar zu machen. Er verdeutlicht dies am Beispiel der Mobilität: Wenn man als Kind das Fahrradfahren lernt, erschließt man sich eine neue Möglichkeit, die Welt eigenständig erfahrbar und somit auch erreichbar zu machen. Mit dem Moped und Auto vergrößert sich die eigene Weltreichweite immer weiter. Das reicht bis zum Flugzeug, das selbst ferne Orte zugänglich und somit verfügbar macht.

Ähnlich ist es mit der Technik: In einer zunehmend digitalen Welt können wir uns die Welt durch Geräte wie das Smartphone verfügbar machen. Eine mit entscheidende Rolle spielt dabei das Geld, das als eine Art „Zaubermittel“ fungiert, um Welt verfügbar zu machen. Dieser unwiderstehliche Reiz der Reichweitenvergrößerung ist eine anthropologische Konstante, die in Wechselwirkung steht mit der strukturellen Konstante der dynamischen Stabilisierung.

Doch die Steigerungslogik hat auch Nebenfolgen. Rosa spricht hier von einer Desynchronisation auf struktureller Ebene. Nicht alles lässt sich gleich schnell beschleunigen, manches kann nicht im Tempo der Moderne mithalten und wird dadurch abgehängt. Ein Beispiel ist die Natur: Sie ist „zu langsam“, weshalb wir eine ökologische Krise erleben. Die Natur kann sich nicht so schnell regenerieren, wie sie genutzt wird. Daraus ergibt sich auch die Klimakrise, da die Erdatmosphäre nicht so viele Treibhausgase aufnehmen kann, wie wir produzieren.

Auch die Demokratie mit ihren längeren Entscheidungsprozessen braucht länger Zeit, als ihr durch die schnelle Geschwindigkeit der wirtschaftlichen Entwicklungen zur Verfügung steht. Sie kann nicht mithalten, es entsteht eine Demokratie-Krise. Selbst innerhalb der Wirtschaft kommt es zur Desynchronisation: Finanzmärkte können binnen Sekundenbruchteilen hohe Geldsummen verschieben, während die Realökonomie nicht in diesem Tempo folgen kann.

Auf kultureller Ebene führt Rosa weitere Nebenfolgen an, die er unter dem Stichwort Entfremdung zusammenfasst. Die Logik der Reichweitenvergrößerung bewirkt paradoxerweise das Gegenteil: Statt, dass die Welt verfügbarer wird, wird sie unverfügbar und fremd. Dies zeigt sich etwa in der Klimakrise, bei der z.B. Gletscher schmelzen und uns buchstäblich Welt verloren geht. Gleichzeitig fühlen sich Menschen zunehmend überfordert. Nicht zufällig spricht man von der Psycho-Krise (burn-out). Der Mensch entfremdet sich durch Überforderung und Kontrollverlust, er wird nicht mehr berührt und die Welt weicht zurück. Rosa spricht hier von einer schweigenden Welt. Statt sich die Welt verfügbar zu machen, kommt es zu einem Weltverlust. 

Rosa erkennt die negativen Folgen des modernen Weltverhältnisses und stellt diesem ein alternatives gegenüber: Auf struktureller Ebene spricht er von adaptiver Stabilisierung. Das bedeutet, Steigerung soll nur noch dort stattfinden, wo sie tatsächlich Verbesserung bewirkt, z.B. im Kampf gegen Hunger oder Krankheiten, nicht aber, um bloß den Status quo zu sichern.

Auf kultureller Ebene prägt Rosa den Begriff der Resonanz als Gegenbegriff zum steigerungsorientierten Weltverhältnis. In der Beziehung zur Welt gehe es nicht um Anerkennung, sondern um das Andere der Entfremdung. Resonanz ist für Rosa kein emotionaler Zustand, sondern abhängig von fünf Kenrmerkmalen:

  • Der Mensch muss von etwas berührt, erreicht oder bewegt werden.
  • Er muss darauf antworten.
  • Nur wenn dabei eine Transformation und Veränderung stattfindet, also wenn man spürt „ich bin jetzt jemand anderes“, kann Resonanz gelingen.
  • Resonanz ist nicht systematisch herstellbar, weder erzwingbar noch steigerbar. Resonanz bleibt unverfügbar.
  • Sie entsteht nur unter bestimmten Voraussetzungen, wenn man verletzbar wird und sich darauf einlässt, nur dann bildet sich ein sogenannter Resonanzraum.

Rosa ist überzeugt: Eine Gesellschaft kann nur dann ein gutes Leben führen, wenn viele Resonanzmöglichkeiten im Leben bereitstehen. Doch wie kann Politik dazu beitragen? Klar ist, Politik kann die Kernmerkmale – Berührung, Antwort, Veränderung und Unverfügbarkeit – nicht direkt steuern oder beeinflussen, doch sie kann Rahmenbedingungen und Resonanzräume schaffen und fördern, in denen Resonanz möglich wird.

So könnte etwa in der Bildungspolitik die Rückkehr von G8 zu G9 Schülerinnen und Schüler entlasten, ihnen mehr Zeit und Raum für echte Erfahrungen geben und damit Resonanzmöglichkeiten schaffen. Auch politische Reformen wie eine Wirtschaftsdemokratie oder ein bedingungsloses Grundeinkommen könnten der Gesellschaft ingesamt Raum geben, zu reagieren, sich berühren zu lassen, sodass es möglicherweise zu mehr Resonanz kommen kann. Nur dann, so Hartmut Rosa, ist ein gutes Leben möglich.

Samstag, 17. Dezember 2022

Hartmut Rosa bei der ADK in Ludwigsburg

Im Rahmen der Reihe "Montags an der ADK" spricht am 19. Dezember 2022 um 20:00 Uhr Hartmut Rosa zum Thema "Wenn Beschleunigung das Problem ist, dann ist Resonanz vielleicht die Lösung". Anlass ist eine Installation des Stuttgarter Kammerorchesters mit dem Titel: "#resonanz – Eine multidimensionale Musikerfahrung im öffentlichen Raum". Es ist keine Anmeldung erforderlich, der Eintritt ist frei, Einlass 30 Minuten vor Beginn der Veranstaltung. Laden Sie sich im Vorfeld des Abends die App des SKO herunter, um #resonanz, den Klangteppich, direkt im ADK-Foyer zu erleben: Link 

Veranstalter / Ort: Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, Akademiehof 1, 71638 Ludwigsburg

Freitag, 22. Mai 2020

Podcast mit Hartmut Rosa darüber, "was in unserer Gesellschaft wirklich systemrelevant ist"

Im am 20.05.2020 erschienenen Beitrag des Deutschlandfunks in der Rubrik "Tag für Tag" erläutert der Soziologe Hartmut Rosa seine Kernbegriffe Unverfügbarkeit, Entfremdung und Resonanz und bezieht sie auf die Corona-Pandemie. Daneben stellt er in dem 23-minütigen, sehr interessanten und deshalb hörenswerten Podcast die Frage, was für uns ein gutes Leben ausmacht, und setzt sich mit politischen und privaten Lehren der Corona-Krise auseinander. Das Gespräch bietet eine gute Ergänzung zu Hartmut Rosas Vortrag über Resonanz, der auf der Seite "Videos" zu finden ist.

Montag, 11. Mai 2020

Das gute Leben (II): Vortrag von Hartmut Rosa zu Resonanz



Der folgende, kollaborativ im Rahmen des coronabedingten Online-Semesters verfasste Text fasst wichtige Aspekte des Vortrags "Resonanz. Über die Soziologie des guten Lebens" von Hartmut Rosa zusammen. Seiner Kernthese nach befinden wir uns auf dem Weg in die Beschleunigungsfalle. Um diesen Weg zu stoppen, sei es notwendig, über “das gute Leben” zu sprechen. Der folgende Text orientiert sich an den Gliederungspunkten des Vortrags vom 27.02.2017.

I. Das Weltverhältnis der Moderne

a) strukturell: Dynamische Stabilisierung

Die moderne Gesellschaft kann sich nur dynamisch stabilisieren, was bedeutet, dass sie strukturell auf Wachstum (= Steigerungsversprechen), Beschleunigung und Innovation angewiesen ist, um sich zu erhalten und zu reproduzieren. Das bedeutet: “Wir brauchen Wachstum, um den status quo zu erhalten.” Klassisches Beispiel ist der Kapitalismus: Geld wird nur investiert, wenn man sich einen Mehrwert verspricht (= Wachstumstreiber). Das gilt mittlerweile aber in allen Bereichen (Wissenschaft, Kunst, Politik ...)

b) kulturell: Reichweitenvergrößerung

Es gilt das Prinzip der Weltreichweitenvergrößerung: “Handle jederzeit so, dass Deine Weltreichweite größer wird!” (= "kategorischer Imperativ der Moderne"). Ziel und Antrieb ist also immer die Steigerung der “Weltreichweite”, die Ausdehnung des Erreichbaren. Die Aussicht auf “mehr Welt” motiviert uns bei fast allen Entscheidungen (Triple-A Formel von Rosa: make more world available, attainable, achievable). Das “Zaubermittel” schlechthin dafür ist Geld: Geld kann die Welt verfügbar und erreichbar machen. Weitere Beispiele, die Rosa im Vortrag nennt, betreffen Mobilität (Fahrrad > Moped > Auto) oder das Smartphone (Musik, Freunde, Weltwissen in der Hosentasche).

II. Die Nebenfolgen: Der Fehler im System

a) strukturell: Desynchronisation

“Viel mehr, viel schneller” ist das, was uns antreibt. Dieses System erhält sich nur durch Steigerung (permanentes Wachsen, Beschleunigen, Innovieren …). ABER: Nicht alles lässt sich im selben Maß beschleunigen! Wer oder was zu langsam ist, wird abgehängt. Folglich kommt es zu Krisen:
Öko-Krise: Die Natur ist zu langsam, kommt nicht hinterher, regeneriert sich nicht schnell genug angesichts unseren Verbrauchs; Zerstörung der Natur statt ihre “Aneignung”.
Demokratie-Krise: Die Demokratie mit ihren Aushandlungsprozessen ist zu langsam (für die Wirtschaft, aber auch für die Medien).
Wirtschaftskrisen: Im Bereich der Wirtschaft kommt es gleich zu mehreren Desynchronisationen, am augenfälligsten zwischen ultraschnellen Finanzmärkten und der Realökonomie.

b) kulturell: Entfremdung

Psycho-Krise: Burn-Out; Welt wird unlesbar, sie weicht zurück (“Weltverlust”); Überstimulation führt zu Gefühllosigkeit: Vielzahl an Erlebnissen und Erfahrungen, aber sie berühren und verändern den Menschen nicht (mehr); die Welt steht dem Menschen feindlich/gleichgültig gegenüber; Weltverlust als Kollateralschaden der Moderne.
Grundlegende Ambivalenz der Modernisierung: zunehmende Rationalisierung, gleichzeitig “Entzauberung der Welt” (Max Weber).
Der Versuch, sich die Welt verfügbar, erreichbar und zugänglich zu machen und zu halten, bringt die Kehrseite einer schweigenden Welt und deren Entzauberung mit sich.
Alternative Begriffe: "Entfremdung" (Marx), "das Absurde" (Camus), "Verdinglichung" (Lukasz), "Isolation" (Fromm), "Plasiertheit" (Simmel), ...

III. Ein alternatives Weltverhältnis

a) strukturell: Adaptive Stabilisierung

Lösung ist nicht "Entschleunigung" oder irgendwie statisch, es geht vielmehr darum, nur dann zu beschleunigen, wenn etwas geändert werden muss, z.B. um den Hunger zu bekämpfen oder möglichst schnell einen Impfstoff zu finden, aber nicht Beschleunigung, um den status quo zu erhalten.

b) kulturell: Resonanz

Resonanz ist Rosas Gegenbegriff für ein Weltverhältnis, das nicht auf Steigerung und Reichweitenvergrößerung beruht, sondern auf einer anderen Art des In-der-Welt-Seins. Es muss oder sollte nämlich möglich sein, in Kontakt mit Welt und Menschen zu kommen, also ein anderes Weltverhältnis zu entwickeln! Was ist Resonanz? Nach Rosa gilt:
  • Resonanz ist mehr als Anerkennung,
  • Resonanz ist das Andere der Entfremdung,
  • Resonanz ist das Metronombeispiel,
  • Resonanz liegt zwischen Dissonanz und Konsonanz,
  • Resonanz ist nicht dasselbe wie Harmonie oder Gleichklang,
  • letztlich: Resonanz ist das, was ein gutes Leben erst möglich macht.
Kernmerkmale der Resonanz:
  • man wird von etwas berührt, erreicht, affiziert...
    (BERÜHRUNG)
  • man antwortet darauf und man schafft es, die andere Seite (die einen vorher berührt hat) ebenfalls zu erreichen und zu berühren
    (ANTWORT)
  • man verändert sich, man ist, nachdem einen etwas berührt hat, nicht mehr dieselbe Person
    (TRANSFORMATION)
  • das ist nicht planbar oder systematisch herstellbar, es kann nicht erzwungen und nicht gesteigert werden, damit auch immer ein Element der Unsicherheit und des Risikos: man lässt sich auf etwas ein, ohne zu wissen, was am Ende herauskommt
    (UNVERFÜGBARKEIT)
  • Rahmenbedingungen sind wichtig; Resonanz hat Voraussetzungen, ist nur möglich unter bestimmten Bedingungen oder Verhältnissen
    (RESONANZRAUM)

Sonntag, 23. Juni 2019

Faszination Berge - Vortrag von Hartmut Rosa zur Resonanztheorie

4000er, Jungfrau01, als gemeinfrei gekennzeichnet,
Details auf Wikimedia Commons
Aus Anlass des 150-jährigen Bestehens des Deutschen Alpenvereins hat Hartmut Rosa kürzlich einen sehr interessanten Vortrag zum Themenkomplex "Berge und Resonanz" gehalten, der beim Deutschlandfunk Nova als Podcast zur Verfügung steht: "Der Ruf der Berge - eine resonanztheoretische Deutung".

Die irreführende (und etwas blödsinnige) Aufmachung (Mount Everest, Gefahren) auf der Deutschlandfunk-Website sollte Sie nicht abschrecken. Weder mit dem Everest, der ja bekanntlich nicht in den Alpen liegt, noch mit den tödlichen Gefahren dort hat der Vortrag etwas zu tun.

Es handelt sich vielmehr um den instruktiven Versuch von Rosa, seine Resonanztheorie auf die intuitiv sofort zugängliche, allerdings schwer zu erklärende Faszination anzuwenden, die von den Bergen ausgeht.

Resonanz, so der bedeutende Soziologe, umfasst vier Elemente: Etwas muss mich berühren, zu mir sprechen (1), worauf ich aktiv und selbstwirksam antworte (2), wodurch ich mich verändere (3), wobei die ganze Sache unverfügbar bleibt (4), also gewissermaßen das Andere dessen bildet, was konstitutiv für die Moderne ist, nämlich (immer mehr) Welt verfügbar zu machen. Zum entscheidenden letzten Element, der Unverfügbarkeit, hat Hartmut Rosa zwischenzeitlich ein lesenswertes Buch vorgelegt:

Sonntag, 18. Februar 2018

Beschleunigung, Resonanz und Pädagogik: Hartmut Rosa und der pragmatische Politikunterricht

„Die Fähigkeit zu wachsen beruht darauf, daß man andere nötig hat, und auf der Bildsamkeit. Beide Bedingungen sind am ausgesprochensten in Kindheit und Jugend vorhanden.“
[Dewey et al. 2000, S.79]
Bereits 2005 legte der Soziologe Hartmut Rosa mit seinem Buch zur Beschleunigung eine Theorie zur Grundlage der Moderne vor, die vielerorts diskutiert und besprochen wurde. Darin führt Rosa seine Überlegungen dazu aus, dass hinter zahlreichen Bereichen der Gesellschaft eine Beschleunigungs- und „Steigerungslogik“ [Vgl. Rosa 2016, S.46 sowie S.668] steckt. Dabei steht eine der wohl drängendsten Fragen der Nachhaltigkeitsdebatte im Vordergrund: Wie lange ist immer weiteres Wachstum möglich? Und wenn ein stagnierendes oder sogar negatives Wachstum absehbar erscheint, wie sollte die (demokratische) Gesellschaft hierauf reagieren?

Eine Antwort auf diese Frage gibt der Soziologe mit seinem Konzept der Resonanz, die er als eine mögliche Entgegnung auf die entfremdende Beschleunigung in der Moderne sieht. Statt sich immer weiter von den Mitmenschen zu entfernen, sollen Resonanzbeziehungen aufgebaut werden, die als schwingender „Resonanzdraht“ [Rosa und Endres 2016, S.126] nicht nur das Privatleben eines Individuums betreffen, sondern auch dessen Rolle in der Wirtschaft, das Feld der Politik und nicht zuletzt die Bildung [Vgl. Rosa 2016, S.54 sowie S.73-74], für die Rosa die Grundlagen einer Resonanzpädagogik darlegt und Hinweise für gelingende Lehr-Lernprozesse gibt.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Überlegungen dazu, inwiefern Elemente einer resonanten Pädagogik für den Politikunterricht Anwendung finden können, der gewissermaßen schon allein inhaltlich eine Synthese der von Rosa von der Beschleunigung als betroffen beschriebenen Bereiche - wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung - darstellt, die als Gemeinsamkeit demokratische Aspekte, gesellschaftliche Entwicklung und somit das Miteinander aller Menschen beinhalten dürfte.

Dabei wird zuerst ein kurzer Überblick über Hartmut Rosas Ausführungen zur Beschleunigung und dem Prinzip der Resonanz gegeben; anschließend soll überprüft werden, ob sich diese Konzeption mit fachdidaktischen Darlegungen aus der Politikwissenschaft in Einklang oder - um es mit der Begrifflichkeit Harmut Rosas auszudrücken - in „Resonanzbeziehung“ [Ebd., S.55] bringen lässt. Diese Arbeit geht also den Fragen nach: Lässt sich die Resonanzpädagogik auch für die Gestaltung von Politikunterricht nutzen? Und wie kann dies konkret geschehen?

Sonntag, 28. Januar 2018

Vorträge von Niko Paech und Hartmut Rosa in Stuttgart

Die Gedanken von Niko Paech und Hartmut Rosa spielen im Seminar an mehreren Stellen während des Semesters eine wichtige Rolle. Ihre Kommilitonin Joanna hat mich auf zwei Vorträge im Hospitalhof in Stuttgart aufmerksam gemacht, die außerordentlich interessant sind:

Sonntag, 10. September 2017

Hartmut Rosa im Gespräch

Der Soziologe Hartmut Rosa, mit dem wir uns im Seminar intensiv beschäftigen, war vergangene Woche in der Radiosendung SWR 1 Leute. Den Podcast kann man hier nachhören (32:28 min)...

Montag, 17. Juli 2017

Hartmut Rosa als Podcast

Den Vortrag "Resonanz - Eine Soziologie des guten Lebens" von Hartmut Rosa, mit dem wir uns intensiv beschäftigt haben, gibt es nun auch als Podcast, und zwar beim Deutschlandfunk:
"Uiuiui - es geht alles so schnell. Zu schnell. Immer mehr, schneller, weiter. Woran es liegt, dass wir unsere Gegenwart als stete Beschleunigung erleben, hat der Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch "Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne" erklärt. Und damit die Frage aufgeworfen: Wie kommen wir raus aus dem Hamsterrad?"