Mittwoch, 14. Januar 2026

Wäre die britische Kriegswirtschaft eine Lösung angesichts des Klimawandels?

Ein Beitrag von Sarah Falangone

Der Kapitalismus war zweifellos ein großer historischer Fortschritt, denn er zielte auf das Privateigentum an Produktionsmitteln und deren Einsatz zur Gewinnerzielung ab. Das bedeutet jedoch auch, dass der Kapitalismus zwingend für Wachstum sorgen muss, um stabil zu bleiben. In einer endlichen Welt ist es jedoch unmöglich, unendlich zu wachsen, da irgendwann die natürlichen Ressourcen erschöpft sind. Dieses Problem bleibt jedoch weitgehend unbeachtet, während Industriestaaten so tun, als könnten sie mehrere Planeten verbrauchen. Dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann, ist absehbar, weshalb eine Epoche der „Überlebenswirtschaft“ folgen muss, mit welcher wir den Kapitalismus überwinden, so die Argumentation von Ulrike Herrmann (2022).

Die Illusion des grünen Wachstums

Regierungen diskutieren zwar über verschiedene Ansätze, doch oft handelt es sich dabei um Nichtlösungen. Viele hoffen darauf, die Klimakrise mithilfe von Ökostrom zu bewältigen, indem die gesamte Wirtschaft – von der Industrie bis zum Verkehr – einfach umgestellt wird. Dieses „grüne Wachstum“ ist jedoch eine Illusion, da Ökoenergie nicht in beliebiger Menge zur Verfügung stehen wird. Zwar schickt die Sonne genug Energie, doch diese muss mühsam eingefangen und für Zeiten ohne Wind und Sonne gespeichert werden. Zudem verbraucht grüne Technik sehr große Mengen an knappen Mineralien wie Lithium, Kupfer und Kobalt. Es käme daher zwangsläufig zu einem „grünen Schrumpfen“, bei dem Flugreisen oder private Autofahrten in der heutigen Form nicht mehr möglich wären. 

Die Suche nach der Kreislaufwirtschaft

Viele Klimaaktivistinnen setzen darauf, dass eine ökologische Kreislaufwirtschaft die Lösung sein könnte. In einer solchen Wirtschaft wird nur so viel verbraucht, wie sich auch recyceln lässt. Der Slogan „system change, not climate change“ ist zwar populär, doch wie genau man diesen Wandel ohne eine schwere Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit erreichen kann, bleibt unklar. Es fehlt die Brücke von der heutigen Wachstumsdynamik in eine statische Zukunft. Selbst Ikonen wie Greta Thunberg geben offen zu, dass das künftige System bisher noch nicht erfunden wurde.

Das Vorbild: Die britische Kriegswirtschaft ab 1939

Um einen Plan für das geordnete Schrumpfen zu finden, lohnt sich, so Herrmann, ein Blick in die Geschichte – speziell auf Großbritannien im Jahr 1939. Während die US-Kriegswirtschaft auf massives Wachstum setzte und für die Bevölkerung weitgehend „schmerzfrei“ blieb, mussten die Briten ihre zivile Wirtschaft radikal eindämmen, um Ressourcen für das Militär zu schaffen. Dabei entstand eine „private Planwirtschaft“: Staatliche Lenkung, privates Eigentum: Die Fabriken blieben in privater Hand, aber der Staat bestimmte über Rohstoffe und Arbeitskräfte (das sogenannte „Manpower Budget“), was produziert wurde. Um Chaos zu vermeiden, übernahm der Staat die Kontrolle über die wichtigsten Entscheidungen, was zeigt: Der Staat kann handeln, wenn er will – wie wir es auch in der Corona-Pandemie erlebt haben.

Um diese Umstellung überhaupt steuern zu können, wurde damals eine entscheidende Messgröße erfunden: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP war ursprünglich eine britische „Kriegswaffe“, um die Wirtschaftsleistung und das Wachstum genau zu messen. Dank dieser Daten konnten die Planer genau einschätzen, dass sie beispielsweise 66 Prozent der britischen Industriekapazitäten für die Aufrüstung benötigten, während der Rest für die Zivilbevölkerung blieb. Wegen diesem durchschlagenden Erfolg entwickelte sich das BIP zur weltweit wichtigsten statistischen Kennzahl der Ökonomie und wurde schließlich von fast allen Ländern übernommen.

Der Segen der Rationierung

Ein zentraler Pfeiler war das Rationierungsprogramm. Obwohl der Konsum insgesamt um ein Drittel sank, erwies sich diese staatlich verordnete Gleichmacherei als Segen für die soziale Gerechtigkeit. Da Grundnahrungsmittel wie Fleisch, Brot und Fett gerecht verteilt wurden, waren die unteren Schichten oft besser versorgt als in Friedenszeiten, in denen sich viele Briten nicht einmal genug Kalorien leisten konnten.

Fazit: Keine Angst vor dem Weniger 

Wir brauchen, so das Fazit von Herrmann, kein völlig neues, noch nie dagewesenes System. Wir müssen das radikalisieren, was im Kapitalismus ohnehin angelegt ist: die Fähigkeit des Staates, in Krisenzeiten effektiv zu lenken. Die Geschichte zeigt, dass der Staat handeln kann, wenn er will – das haben wir auch in der Pandemie gesehen.

Literatur: Herrmann, Ulrike (2022): Raus aus der Wachstumsfalle. Wie wir mit der britischen Kriegswirtschaft die Klimakrise bewältigen können; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe 10/2022.

Mutlose Klimapolitik

Ein Beitrag von Gianluca Trovato 

Klimapolitik scheitert nicht am Wissen, sondern am Mut zur Gerechtigkeit

Die Klimakrise ist wissenschaftlich eindeutig, politisch anerkannt und gesellschaftlich präsent. Und doch stockt die Klimapolitik. Nicht weil wir nicht wüssten, was zu tun ist, sondern weil der politische Wille fehlt, Klimaschutz konsequent und sozial gerecht umzusetzen. Statt entschlossen zu handeln, wird Klimapolitik in Deutschland zunehmend verwässert, verzögert oder im Namen angeblicher Zumutbarkeitsgrenzen relativiert.

Das Kernproblem liegt in der falschen Verteilung der Lasten. Klimaschutz wird zu oft als individuelles Moralprojekt verkauft: Menschen sollen weniger heizen, weniger fahren, weniger konsumieren. Gleichzeitig bleiben strukturelle Ursachen wie fossile Abhängigkeiten, industrielle Großemissionen oder unzureichende Infrastruktur unangetastet. Wer wenig Einkommen hat, spürt die Kosten sofort, und wer viel verursacht, bleibt vergleichsweise unbehelligt. Das ist nicht nur ineffektiv, sondern politisch brandgefährlich.

Denn eine Klimapolitik, die soziale Ungleichheiten ignoriert, verliert ihre demokratische Legitimation. Wenn steigende Energiepreise, unsichere Arbeitsplätze oder teure Sanierungspflichten als „notwendige Opfer“ dargestellt werden, ohne realen sozialen Ausgleich zu schaffen, entsteht Frust. Dieser Frust wird dann nicht gegen die Ursachen der Klimakrise gerichtet, sondern gegen Klimaschutz selbst, ein ideales Einfallstor für populistische Erzählungen.

Es ist dabei klar, dass es ohne eine tiefgreifende ökologische Transformation weder Wohlstand noch soziale Sicherheit in Zukunft geben wird. Wer Klimapolitik gegen Sozialpolitik ausspielt, betreibt kurzsichtige Symbolpolitik. Wirklicher Klimaschutz braucht massive öffentliche Investitionen, einen handlungsfähigen Staat und den Mut, ökonomische Interessen zu begrenzen. Es braucht Umverteilung, nicht Appelle, Strukturwandel, nicht Schuldzuweisungen an Einzelne.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob wir uns ambitionierte Klimapolitik leisten können, sondern ob wir uns ihr Scheitern leisten wollen. Eine Klimapolitik, die Angst erzeugt statt Sicherheit, ist zum Scheitern verurteilt. Eine Klimapolitik hingegen, die soziale Gerechtigkeit ernst nimmt, kann zur Grundlage eines neuen gesellschaftlichen Konsenses werden. Der politische Raum dafür ist da, was fehlt, ist der Mut, um diesen Raum zu nutzen.