Donnerstag, 15. Januar 2026

Realismus statt Resignation: Jens Beckert zur Klimapolitik

Ein Beitrag von Valeria Maiorano

Der Klimawandel ist schon lange Realität. Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen zeigen, dass sich unsere Umwelt grundlegend verändert hat, und dennoch bleibt wirksamer Klimaschutz aus. Der Soziologe Jens Beckert erklärt dieses Scheitern nicht mit fehlendem Wissen, sondern mit den Strukturen unserer Gesellschaft und plädiert für einen realistischen Umgang mit dieser Krise.

Beckert beschreibt die aktuelle Situation als eine Phase zunehmender Unsicherheit. In Anlehnung an Martin Müller spricht er von einer „neuen Unzuverlässigkeit der Natur“. Klimatische Bedingungen, die früher als stabil galten, sind nicht mehr verlässlich vorhanden. Die Folgen der Erderwärmung treffen dabei nicht alle gleich. Sie sind global spürbar, dennoch sozial und geografisch sehr ungleich verteilt. Ärmere Bevölkerungsgruppen sowie Länder des globalen Südens sind besonders benachteiligt.

Beckert bemängelt nicht die mangelnde Einsicht, dass Klimaschutz durchaus wichtig ist, denn viele Menschen wissen um die Dringlichkeit dieser Krise. Das Problem, so Beckert, sind vielmehr mächtige wirtschaftliche und politische Strukturen, die wirksames Handeln blockieren. Wachstum, Konsum und Profitorientierung stehen im Widerspruch zu einer schnellen Reduktion von Emissionen. Diese Blockaden führen bei vielen Menschen zu Frustration und Resignation, einem Gefühl, dass das individuelle Handeln ohnehin nichts mehr bewirkt.

Nachhaltiger Klimaschutz sei mit den kapitalistischen Strukturen der Moderne nur schwer vereinbar, da diese auf stetiges Wachstum angewiesen sind. Aber Beckert hält einen radikalen Systemwechsel für politisch nicht realistisch, besonders in Anbetracht des enormen Zeitdrucks. Er fordert stattdessen, realistische Ansatzpunkte zu finden und diese innerhalb bestehender Strukturen umzusetzen.

Klimaanpassung ist bei Beckert ein zentraler Gedanke. Anpassung ist für ihn kein Zeichen des Scheiterns, sondern Ausdruck von Realismus. Die Gesellschaften müssen sich auf neue Bedingungen einstellen, da sich der Klimawandel nicht vollständig verhindern lässt. Beispiele sind ein anderes Wassermanagement bei Trockenheit, Hitzeschutz in Städten oder Küstenschutz angesichts des steigenden Meeresspiegels.

Bestehende Ungleichheiten und ein erhöhtes Risiko gesellschaftlicher Konflikte sind mögliche Folgen der Klimakrise. Das bedeutet, dass diese Anpassungsprozesse ungewollten sozialen Stress mit sich bringen. Wirksamer Klimaschutz ist für Beckert ein Kollektivgut. Individuelle Verhaltensänderungen sind wichtig, reichen aber nicht aus. Staatliche Investitionen in grüne Infrastrukturen, eine aktive Finanzpolitik und der Ausbau öffentlicher Angebote sind entscheidend.

Eine zentrale Rolle spielt die Zivilgesellschaft. Moralische Überzeugungen entstehen nicht auf internationalen Klimakonferenzen, so Beckert, sondern im sozialen Nahbereich, in Familien, Vereinen und lokalen politischen Prozessen. An diesen Orten wird Klimaschutz konkret erfahrbar als Schutz des eigenen Lebensraums und als Verbesserung des Alltags.

Beckert lehnt sowohl resignatives Nichtstun als auch utopische Systemwechsel ab. Sein Plädoyer lautet: Realismus statt Resignation. Realistische Klimapolitik bedeutet, bestehende Machtverhältnisse anzuerkennen, politisch machbare Lösungen zu suchen und Zeit zu gewinnen, um Schäden zu begrenzen. Es gibt keine perfekten Lösungen. Doch genau daraus entsteht eine moralische Pflicht zum Handeln, auch wenn wir den Erfolg noch nicht sehen oder greifen können und er somit unsicher bleibt. Realismus heißt in diesem Sinne, trotz aller Schwierigkeiten handlungsfähig zu bleiben.

Quelle:

Beckert, Jens: Zwischen Utopie und Resignation. Plädoyer für eine realistische Klimapolitik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 5/2024, S. 43-52.

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