Montag, 26. Januar 2026

APuZ zum Thema Biodiversität

Die aktuelle Ausgabe (Heft 1-5/2026) der Zeitschrift "Aus Politik und Zeitgeschichte" (APuZ) der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) widmet sich mit gleich mehreren hervorragenden Beiträgen dem nach wie vor in der breiten Öffentlichkeit unterbelichteten Thema Biodiversität. Besonders empfehlenswert sind die folgenden drei Aufsätze:

  • Uta Eser: Warum Biodiversität schützen? Eine umweltethische Betrachtung - Essay
  • Sebastian T. Meyer: Entwicklung, Stand und Perspektiven der Biodiversität
  • Michael Böcher: Governance von Biodiversität. Herausforderungen in Deutschland und der Europäischen Union

Freitag, 23. Januar 2026

Die Rolle pflanzlicher Ökosysteme im Klimaschutz

Mit Pflanzen allein können wir die Welt nicht retten, ohne sie aber auch nicht, so Bernhard Kegel, Autor und Biologe. Wie das funktionieren könnte, behandle ich in diesem kurzen Beitrag.

Wälder gelten als ein zentrales Element des globalen Klimaschutzes, da sie durch Photosynthese erhebliche Mengen an Kohlenstoffdioxid (CO₂) aus der Atmosphäre binden. Dennoch beschränkt sich diese klimaregulierende Wirkung der Vegetation nicht ausschließlich auf Wälder. Viele weitere pflanzliche Ökosysteme leisten einen mindestens ebenso bedeutenden Beitrag oder sind in der Lage, einen größeren Beitrag zur Minderung des anthropogenen Klimawandels zu leisten. Jedoch werden sie in der öffentlichen Wahrnehmung häufig unterschätzt oder nicht wahrgenommen.

Klimawandel, Artensterben und der fortschreitende Verlust der biologischen Vielfalt (Biodiversität) sind Begriffe, die den aktuellen Zustand des Planeten wiedergeben und regelmäßig Schlagzeilen machen. Diese Entwicklungen sind überwiegend anthropogenen Ursprungs und stehen in engem Zusammenhang mit dem stark erhöhten Ausstoß von Treibhausgasen, insbesondere CO₂, infolge industrieller Prozesse, fossiler Energienutzung und intensiver Landnutzungsformen.

Vegetation beeinflusst maßgeblich den Kohlenstoffkreislauf der Erde. Der Biologe und Wissenschaftsjournalist Bernhard Kegel weist darauf hin, dass pflanzliche Ökosysteme einen wesentlichen Einfluss auf die CO₂-Konzentration der Atmosphäre besitzen und somit gezielt in Klimaschutzstrategien einbezogen werden könnten. Vor diesem Hintergrund rücken insbesondere Moore in den Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung.

Moore als unterschätzte Kohlenstoffspeicher

Moore zählen zu den effizientesten Kohlenstoffspeichern der Erde. Global bedecken sie lediglich etwa drei Prozent der terrestrischen Landfläche, speichern allerdings schätzungsweise doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder weltweit zusammen. Diese außergewöhnlich hohe Speicherleistung resultiert aus der torfbildenden Vegetation und den dauerhaft wassergesättigten Bedingungen, die den mikrobiellen Abbau organischer Substanz stark verlangsamen.

Trotz ihrer hohen ökologischen Bedeutung wurden Moore in vielen Regionen großflächig entwässert, insbesondere zur landwirtschaftlichen Nutzung. In Deutschland sind über 90 % der ursprünglichen Moorflächen betroffen. Die Entwässerung hat schwerwiegende klimatische Konsequenzen: Durch den Sauerstoffeintrag in den Torf setzt eine mikrobielle Zersetzung ein, bei der große Mengen CO₂ freigesetzt werden. Entwässerte Moore wandeln sich somit von Kohlenstoffsenken zu bedeutenden Emissionsquellen.

Im Gegensatz dazu fungieren intakte Moore als langfristige Kohlenstoffsenken und übertreffen Wälder in ihrer Klimawirksamkeit. Darüber hinaus erfüllen sie zentrale ökologische Funktionen, darunter die Erhaltung der Biodiversität, die Regulation des Wasserhaushalts sowie den Schutz vor Hochwasser- und Dürreereignissen.

Die klimapolitische Relevanz wird durch einen Vergleich verdeutlicht: Die CO₂-Emissionen aus entwässerten Mooren in Deutschland machen rund sieben Prozent der nationalen Treibhausgasemissionen aus und entsprechen damit in etwa den Emissionen des gesamten deutschen Luftverkehrs.

Durch eine Wiedervernässung der Moorflächen kann die CO₂-Freisetzung nahezu unmittelbar gestoppt werden. Gleichzeitig eröffnen sich durch innovative Nutzungsformen wie die Paludikultur Möglichkeiten, Moore nachhaltig landwirtschaftlich zu nutzen, ohne ihre klimarelevanten Funktionen zu beeinträchtigen.

Paludikulturen und ihre Rolle

Die Wiedervernässung von Mooren stellt einen erheblichen Einschnitt für die Landwirtschaft dar. Entwässerte Moorflächen werden bislang für Ackerbau oder als Grünland genutzt. Steigt der Wasserstand wieder an, sind konventionelle landwirtschaftliche Nutzungsformen – wie der Anbau von Getreide und Mais sowie die intensive Viehhaltung – nicht mehr möglich.

Welche Folgen dies haben kann, lässt sich nur eingeschränkt vorhersagen. Möglich sind kurzfristige Ertragsverluste, Investitionskosten für Umstellungen sowie im Extremfall der Verlust der bisherigen wirtschaftlichen Grundlage. Gleichzeitig entstehen jedoch auch Chancen und Alternativen, die eine klimafreundliche und wirtschaftlich tragfähige Nutzung ermöglichen.

Das Bundesamt für Naturschutz präsentiert auf seiner Website einen solchen Ansatz: die Paludikultur. Dabei handelt es sich um ein Verfahren zur nassen Bewirtschaftung von Mooren mit dem Ziel des Torferhalts oder idealerweise sogar der erneuten Torfbildung. Für den Anbau eignen sich insbesondere nachwachsende Rohstoffe wie Schilf, Röhricht, Torfmoose oder Schwarzerlen, die im Gartenbau sowie als Rohstoffe für die Bau- und Möbelindustrie genutzt werden können.

Zusätzlich profitiert die Biodiversität, da Lebensräume für bedrohte Tierarten der Moore wiederhergestellt werden. Erwähnenswert ist jedoch, dass sich dieses Nutzungskonzept derzeit noch in der Erprobungs- und Entwicklungsphase befindet.

In der praktischen Umsetzung gibt es bereits Fortschritte, die einen positiv stimmen. Ein Beispiel stellt die „Allianz der Pioniere“ dar. Sie wurde von verschiedensten Akteur*innen aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft, welche die Etablierung verschiedenster aus der Paludikultur stammenden Produkten als Ziel haben. Diese Initiative wurde im Rahmen der „toMOORow“ Aktionsgruppe ins Leben gerufen und besitzt prominente Akteur*innen wie die Pfleiderer Deutschland GmbH, die Erwin Hymer Group sowie die Gründungsmitglieder Toom und Obi.

Schlussendlich können Paludikulturen als eine Schlüsselstrategie betrachtet werden, um Moore klimawirksam zu schützen und gleichzeitig eine nachhaltige Perspektive für Landwirte zu eröffnen.

Quellen:

  • https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/klimawandel-mit-pflanzen-die-welt-retten
  • https://www1.wdr.de/radio/wdr5/sendungen/neugier-genuegt/redezeit-bernhard-kegel-100.html
  • https://www.bfn.de/paludikultur

Samstag, 17. Januar 2026

Rohstoffabhängigkeit der Energiewende - Warum Technik allein die Klimakrise nicht lösen kann

Ein Beitrag von Sarah Förstner

Die Energiewende gilt als das zentrale Projekt unserer Zeit. Sie soll nicht nur den Klimawandel aufhalten, sondern wir wollen auch noch, dass dabei unser Lebensstandard erhalten bleibt. In politischen Debatten wird häufig der Eindruck vermittelt, dass technologische Innovationen – von Windkraft über Photovoltaik bis hin zu Elektroautos – ausreichen, um fossile Energieträger vollständig zu ersetzen. Doch diese Vorstellung ist illusorisch. Die Energiewende ist kein immaterielles Projekt, sondern ein gigantischer Eingriff in globale Rohstoffströme. Die Abhängigkeit von Metallen und Mineralien zeigt, dass Technik allein die Klimakrise nicht lösen kann. Stattdessen braucht es eine grundlegende Debatte darüber, wie viel Energie und Ressourcen eine nachhaltige Gesellschaft tatsächlich verbrauchen darf.

Die Energiewende als Rohstoffprojekt

Erneuerbare Energien werden oft als unerschöpflich dargestellt: Die Sonne scheint, der Wind weht, und die Erde liefert geothermische Wärme. Theoretisch ist dies nicht falsch, aber praktisch spielen bei der Energiewende auch andere Themen eine wichtige Rolle. Windräder, Solarpaneele, Batteriespeicher und Elektroautos bestehen aus einer Vielzahl von Metallen, deren Förderung ökologisch und sozial hoch problematisch ist.

Für Windkraftanlagen werden große Mengen an Stahl, Kupfer und seltenen Erden benötigt. Photovoltaikanlagen basieren auf Silizium, Silber und verschiedenen Halbleitermaterialien. Elektroautos benötigen Lithium, Nickel, Kobalt und Graphit für ihre Batterien. Diese Rohstoffe sind endlich und ihr Abbau ist energieintensiv. Die Energiewende verschiebt also den Ressourcenverbrauch, sie beseitigt ihn nicht.

Die Internationale Energieagentur geht davon aus, dass sich die Nachfrage nach bestimmten Rohstoffen bis 2040 vervielfachen wird. Das bedeutet: Je stärker wir auf technische Lösungen setzen, desto stärker wächst der Druck auf globale Rohstoffmärkte. Die Energiewende ist damit selbst ein Treiber von Umweltzerstörung, wenn sie nicht von einer Reduktion des Gesamtverbrauchs begleitet wird.

Globale Abhängigkeiten und neue Ungleichheiten

Die Rohstoffabhängigkeit der Energiewende ist nicht nur ein ökologisches, sondern auch ein geopolitisches Problem. Viele der benötigten Mineralien stammen aus Ländern des Globalen Südens, in denen Umweltstandards niedrig und Arbeitsbedingungen prekär sind. Lithium wird vor allem in Südamerika gewonnen, wo der Abbau enorme Mengen Wasser verbraucht und lokale Ökosysteme bedroht. Kobalt stammt überwiegend aus der Demokratischen Republik Kongo, wo Kinderarbeit und gefährliche Minenbedingungen dokumentiert sind. Seltene Erden werden größtenteils in China gefördert, oft unter massiver Umweltbelastung.

Die Energiewende droht damit koloniale Muster zu reproduzieren: Wohlhabende Länder sichern sich die Rohstoffe für ihre „grüne Zukunft“, während die ökologischen und sozialen Kosten in anderen Regionen anfallen. Eine nachhaltige Transformation muss diese globalen Ungleichheiten berücksichtigen. Technik allein kann das nicht leisten – sie muss politisch und ethisch eingebettet werden.

Effizienz als Falle: Warum technische Lösungen oft zu mehr Verbrauch führen

Ein weiteres Problem besteht darin, dass technische Effizienzgewinne häufig durch Rebound-Effekte neutralisiert werden. Effizientere Geräte, sparsamere Motoren oder leistungsfähigere Solaranlagen führen nicht automatisch zu weniger Verbrauch. Im Gegenteil: Wenn Energie günstiger oder leichter verfügbar wird, steigt oft der Gesamtverbrauch.

Die Energiewende kann daher nur dann nachhaltig sein, wenn sie mit einer starken Reduktion des Energie- und Materialverbrauchs einhergeht. Effizienz ist wichtig, aber sie ersetzt keine Suffizienz, das heißt wir brauchen das richtige Maß an Energie und Rohstoffen, welches wir verbrauchen. Eine Gesellschaft, die weiterhin auf Wachstum setzt, wird auch mit erneuerbaren Energien mehr Ressourcen verbrauchen, als der Planet bereitstellen kann.

Die Grenzen der Technik und die Notwendigkeit eines Systemwandels

Die Rohstoffabhängigkeit der Energiewende macht deutlich, dass technologische Lösungen allein nicht ausreichen. Selbst wenn es gelingen würde, die gesamte Energieversorgung auf erneuerbare Quellen umzustellen, bliebe das Problem des Ressourcenverbrauchs bestehen. Eine nachhaltige Zukunft erfordert daher einen Systemwandel, der über Technik hinausgeht.

Dazu gehört eine grundlegende Debatte über Konsum, Mobilität und Lebensstil. Müssen wir wirklich immer mehr produzieren und konsumieren? Ist individuelle Mobilität mit dem Auto – ob elektrisch oder nicht – ein zukunftsfähiges Modell? Wie viel Energie braucht man für ein gutes Leben tatsächlich? Dies sind Fragen, die wir uns dringend stellen sollten, wenn uns unser Leben und unser Planet etwas bedeuten.

Eine Postwachstumsökonomie sollte nicht auf immer mehr Technik setzen, sondern auf weniger Ressourcenverbrauch, mehr Reparatur, längere Produktlebenszyklen und eine gerechte Verteilung von Energie und Gütern. Technik kann diesen Wandel unterstützen, aber sie kann ihn nicht ersetzen.

Ein neues Verständnis von Wohlstand

Wenn Technik allein die Klimakrise nicht lösen kann, stellt sich die Frage, wie ein gutes Leben innerhalb planetarer Grenzen aussehen kann. Wohlstand muss neu definiert werden – nicht als materieller Überfluss, sondern als Lebensqualität, die auf Zeitwohlstand, sozialer Sicherheit, Gesundheit und ökologischer Stabilität basiert.

Eine nachhaltige Gesellschaft braucht daher nicht nur neue Technologien, sondern auch neue Werte. Die Frage lautet nicht, wie wir unseren heutigen Lebensstil mit grüner Technik fortsetzen können, sondern wie wir ein gutes Leben gestalten, das weniger Ressourcen verbraucht.

Fazit

Die Energiewende ist notwendig, aber sie ist kein rein technisches Projekt. Sie basiert auf endlichen Rohstoffen, erzeugt neue Abhängigkeiten und verschärft globale Ungleichheiten. Technik kann die Klimakrise abmildern, aber sie kann sie nicht alleine lösen. Eine nachhaltige Zukunft erfordert eine Kombination aus technologischer Innovation, politischer Steuerung, globaler Gerechtigkeit und einer neuen Vorstellung von Wohlstand bzw. dem guten Leben. Die Klimakrise ist nicht nur ein technisches, sondern vor allem ein gesellschaftliches Problem.

Quellen

Eine Jahrhundertchance: der Green New Deal

Ein Beitrag von Saskia Grimmeisen 

Klimakatastrophen überall auf der Welt zeigen uns, wie weit fortgeschritten der Klimawandel bereits ist. Waldbrände und andere Extremwetterereignisse bis zum Anstieg des Meeresspiegels sorgen dafür, dass die globale Klimakrise nicht mehr zu ignorieren ist.

Naomi Klein, eine kanadische Autorin und Aktivistin, ist eine starke Stimme für Klimapolitik und setzt sich für Klimagerechtigkeit ein. Sie ist Unterstützerin für das Ideenkonzept des Green New Deal, der seit ein paar Jahren mehr und mehr Beachtung bekommt. Den Green New Deal sehen viele als wirkungsvollen Lösungsansatz, um gegen den schnell fortschreitenden Klimawandel anzukommen. Die bisherige Klimapolitik wird massiv kritisiert. Aktuelle Maßnahmen wirken zu langsam und sind zu klein gedacht. Außerdem greifen die Maßnahmen nur in bestimmten Bereichen im Wirtschaftssystem. Das eigentliche Ziel müsste es sein, das gesamte Wirtschaftssystem neu und klimafreundlicher aufzubauen.

Aus diesen Gründen vertritt Naomi Klein den politischen Ansatz des Green New Deal. Grundlage des Konzepts ist der New Deal, den Franklin D. Roosevelt in den 1930er Jahren in den USA umsetzte. Damals herrschte eine Wirtschaftskrise und Roosevelt reagierte mit großen staatlichen Programmen. Der Green New Deal, eine Fortführung des New Deals, fokussiert sich auf die Klimapolitik und soziale Gerechtigkeit, aber mit ebenso großen Umbrüchen in der Politik. Es geht darum, durch unterschiedlichste Maßnahmen die Wirtschaft und die Gesellschaft neu aufzubauen, damit sie klimafreundlich funktionieren und soziale Gerechtigkeit gewährleisten. Naomi Klein beschreibt in neun Gründen die Möglichkeiten, die der Green New Deal für die Bevölkerung hätte.

(1) Investitionen in erneuerbare Energien werden viele Arbeitsplätze schaffen, viel mehr, als es die fossilen Energien könnten. Es gibt einige Studien, die dies belegen, wie beispielsweise eine Studie des Bundesstaates Colorado von 2019, bei der ein Programm im Stil des Green New Deal mehr Stellen schafft, als in Folge der Umstrukturierung verloren gehen.

(2) Die Umsetzung des Green New Deal wird hohe Kosten verursachen. Aber die wirtschaftlichen Schäden ohne den Green New Deal werden sich auf viel höhere Kosten belaufen. Es gibt außerdem einige Ideen für die Finanzierung, dabei funktionieren viele nach dem Verursacher-Prinzip. Das Prinzip besagt, dass die Verursacher der Klimakatastrophe den größten Beitrag zum Klimaschutz leisten sollen, um den Schaden wiedergutzumachen, der zu einem erheblichen Teil von ihnen verursacht wurde. Das könnten Schadensersatzzahlungen sein oder höhere Lizenzgebühren und die Abschaffung von Subventionen. Weitere Finanzierungsmöglichkeiten sind öffentliche Investitionen in umweltfreundliche Anleihen, eine Senkung der Militärausgaben im Verteidigungshaushalt und die Verlagerung von Subventionen der Fossilindustrie in Subventionen für erneuerbare Energien.

(3) Die Klimakrise sollte als Notstand angesehen werden. Schon alleine der Begriff würde für mehr Bewusstsein und Aufmerksamkeit sorgen. Das Thema könnte zudem so an Wichtigkeit zunehmen. Ein Notstand hätte sofortiges Handeln zur Folge, anstatt nur über mögliche Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren. Auch könnte die Erleichterung vieler Menschen, dass die Klimakrise ernst genommen wird, in Tatendrang und Engagement übergehen, sodass das politische Handeln beschleunigt wird.

(4) Politiker setzten sich in ihren Regierungsperioden bisher immer relativ leicht umsetzbare Ziele wie zum Beispiel die Regelung des Emissionshandels und gaben die Verantwortung schwieriger Klimaziele an ihre Nachfolger weiter. Der wichtigsten politischen Aufgabe im Zusammenhang mit dem Green New Deal, nämlich das komplette Wirtschaftsmodell umzukrempeln, stellte sich bisher niemand. Der Green New Deal würde dem entgegenwirken. Eine Frist von wenigen Jahren, die der Green New Deal fordert, würde Politiker dazu zwingen, sich ehrgeizigere Ziele zu setzen und Verantwortung zu übernehmen.

(5) Der Green New Deal bietet zudem Konjunktursicherheit. Durch die vielen neuen Arbeitsplätze wird die Wirtschaft stimuliert. Falls also die Weltwirtschaft einen Abschwung oder Krisen erfährt, würde der Green New Deal nicht an Unterstützung verlieren, weil er selbst Lösungen für Konjunkturschwierigkeiten bereithält wie zum Beispiel Arbeitsplätze.

(6) Durch die Verbindung des Klimaschutzes mit sozialer Sicherheit wirkt der Green New Deal Protestreaktionen entgegen. Wie man beispielsweise in Frankreich mitbekam, wurden Klimaschutzmaßnahmen wie die Benzinsteuer auf Kosten der arbeitenden Gesellschaft eingeführt, da es keine Ausgleichsmaßnahmen gab. Das empfanden viele Menschen als unfair und es kam zu Protesten wie der Gelbwestenbewegung. Mit dem Green New Deal müssen die Menschen nicht zwischen ihren eigenen Problemen und den Problemen des Planeten entscheiden, sie können beides gleichzeitig angehen. Durch tariflich abgesicherte Jobs und Zugang zu Gesundheitsfürsorge, Bildung und Kindertagesstätten wird ihnen eine große Last abgenommen.

(7) Soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit wird die Umsetzung des Green New Deals erleichtern. Denn durch die Verbindung von Klimapolitik und sozialer Gerechtigkeit werden die Bedürfnisse benachteiligter Gemeinschaften wie Ungleichheit, Luftverschmutzung und unfaire Arbeitsbedingungen Beachtung bekommen.

(8) Konkrete Projekte haben die Fähigkeit, ideologische Trennungen zu überwinden. Naomi Klein zieht als Beispiel die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen Franklin D. Roosevelts heran, die er im Zuge des New Deal-Programms umsetzte. Er siedelte beispielsweise Camps des Civilian Conservation Corps in ländlichen Regionen an, die ihn damals nicht gewählt hatten. Die Menschen dort sollten die Vorteile des New Deal am eigenen Leib erfahren, um sich nicht mehr blind den Republikanern anzuschließen. Viele wählten daraufhin demokratisch. Der Green New Deal bietet konkrete Verbesserungen wie mehr Arbeitsplätze, sauberes Wasser, gesunde Böden und andere Ressourcen, wodurch alle Menschen sichtbar und sofort profitieren, egal was Leugner des Klimawandels sagen könnten.

(9) Die Hoffnungslosigkeit, der Klimawandel sei schon zu fortgeschritten und man könne nichts mehr tun, ist in der Bevölkerung weit verbreitet. Wichtig zu wissen ist aber, dass das Konzept des Green New Deal nicht bei Null anfängt. Weltweit gibt es schon viele Gemeinschaften, Organisationen und Projekte, die eine sozial und wirtschaftlich gerechte Klimapolitik erproben oder bereits erreicht haben. Beispiele sind kommunale Umweltprojekte oder die Lebensweise von indigenen Gemeinschaften. Der Green New Deal hat viele Erfahrungswerte, auf die er zurückgreifen kann.

Naomi Klein macht deutlich, dass der Klimaschutz und das Ziel einer Erderwärmung unter 1,5 Grad nur durch radikale gesellschaftliche und politische Umbrüche erreichbar ist. Das Konzept des Green New Deal gibt es genau dafür, als Klimaschutzprogramm unter Berücksichtigung der sozialen Gerechtigkeit. Und deswegen kann er die Unterstützung weiter Teile der Gesellschaft bekommen, denn im Gegensatz zur jetzigen Situation in der Klimapolitik werden soziale Bedürfnisse ernst genommen. Die kurze Zeit, die der Green New Deal zur Umsetzung vorsieht, führt zu einer Mobilisation der Gesellschaft. Es ist eine große Chance, die Klimakatastrophe und soziale Ungerechtigkeiten gleichermaßen anzugehen und eine Perspektive für die Zukunft zu schaffen.

Literatur:

Klein, Naomi (2023): Radikal machbar: Neun Gründe für einen Green New Deal; in: Blätter für deutsche und internationale Politik (Hg.), Heiße neue Welt. Der Planet am Limit, Blätter, S. 193-203.

Donnerstag, 15. Januar 2026

Ende der Welt oder Ende des Monats? Warum wir die Klimakrise nur mit sozialer Gerechtigkeit lösen können

Ein Beitrag von Emma Aupperle

Im Oktober 2018 veröffentlichte der UN-Weltklimarat (IPCC) einen Bericht, der wie kaum ein anderer die Dringlichkeit der Lage verdeutlichte: Um die Erwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten und einen „wahrlich desaströsen Zusammenbruch“ zu verhindern, müssen die globalen Emissionen bis 2030 um die Hälfte sinken. Nachhaltigkeit ist kein Zukunftsprojekt mehr, sondern ein akuter Notstand, der sofortiges Handeln erfordert. Doch während die Wissenschaft eindeutige Fakten liefert, lässt die Motivation zu handeln in der Gesellschaft auf sich warten. Warum? Weil Klimapolitik bisher oft als Projekt, das sich nur die Reichen leisten können, wahrgenommen wird. Naomi Klein liefert mit ihrem Konzept des Green New Deal die notwendige Antwort auf dieses Dilemma.

Die bisherige Klimapolitik verlässt sich oft auf Einzelmaßnahmen und Marktinstrumente, wie etwa CO2-Steuern. Doch wie das Beispiel von Emmanuel Macron und den „Gelbwesten“-Protesten in Frankreich 2018/19 zeigt, sind solche Maßnahmen ohne sozialen Ausgleich nicht hilfreich. Während Macron also die Benzinpreise erhöhte, um den Verbrauch zu senken, fühlte sich die arbeitende Bevölkerung massiv unter Druck gesetzt, während die Superreichen ihre Privatjets weiterhin ungestört betankten.

Der Slogan der Protestierenden: „Die Reichen reden über das Ende der Welt, wir haben Angst vor dem Monatsende“, bringt die Absurdität auf den Punkt. Solange Menschen um ihre wirtschaftliche Existenz fürchten müssen, wird der notwendige ökologische Umbau als Unsicherheit und Bedrohung gesehen. Naomi Klein will mit dem Green New Deal diese Struktur aufbrechen, indem Klimaschutz mit sozialer Gerechtigkeit verbunden wird.

Inspiriert von Franklin D. Roosevelts „New Deal“ der 1930er Jahre, der mit massiven staatlichen Programmen auf die Weltwirtschaftskrise reagierte, fordert Klein einen ebenso radikalen Umbau der gesamten wirtschaftlichen Infrastruktur. Es geht nicht darum das bestehende System ein bisschen „grüner“ zu machen, sondern um eine „Jahrhundertchance“. Also darum, ein Wirtschaftsmodell zu überwinden, das sowohl den Planeten als auch die Lebensqualität der Menschen zerstört. Der Green New Deal soll Emissionssenkungen mit der Entlastung von Arbeitnehmern verbinden, zum Beispiel durch gut bezahlte, gewerkschaftlich geschützte Arbeitsplätze und Zugang zu sozialen Leistungen. So soll er Menschen von wirtschaftlichem Druck befreien.

Ein zentraler Punkt der sozialen Gerechtigkeit im Green New Deal ist die Frage der Finanzierung, aber auch dafür gibt es Antworten. Klein macht deutlich, dass die Kosten des Wandels nicht die Allgemeinheit treffen dürfe, stattdessen setzt sie auf das Verursacherprinzip: Gerechtigkeit bedeutet, die Konzerne, die für den Großteil der globalen Emissionen verantwortlich sind, Schadensersatzzahlungen zahlen zu lassen. Außerdem würde schon eine einprozentige Steuer auf das Vermögen von Milliardären jährlich 45 Mrd. Dollar einbringen. Zusammen mit einer Finanztransaktionssteuer und der Kürzung von Militärausgaben stünden Billionen für die ökologische Wende zur Verfügung.

Ein weiterer Punkt ist, dass durch den Green New Deal ein neuer Gedanke von Zusammenhalt entsteht. Denn dieser stellt die Bedürfnisse von systematisch benachteiligten Menschen und Minderheiten in den Mittelpunkt und schafft eine breite Koalition, die den Wandel will, weil sie davon profitiert. Wenn die Menschen sehen, wie der ökologische Umbau sich auf ihr Leben auswirkt, dann entsteht eine Masse von Unterstützern.

Der Green New Deal zeigt, dass wir nicht zwischen dem Planeten und unserem Wohlstand wählen müssen und gerade soziale Gerechtigkeit zum ökologischen Wandel beitragen kann. Wenn wir handeln, „als stünde unser Haus in Flammen“, wie Greta Thunberg sagte, dann vielleicht nicht nur, um den Brand zu löschen, sondern um ein neues Haus zu bauen, das auf sozialer Gerechtigkeit basiert.

Quellen:


Realismus statt Resignation: Jens Beckert zur Klimapolitik

Ein Beitrag von Valeria Maiorano

Der Klimawandel ist schon lange Realität. Dürren, Hitzewellen und Überschwemmungen zeigen, dass sich unsere Umwelt grundlegend verändert hat, und dennoch bleibt wirksamer Klimaschutz aus. Der Soziologe Jens Beckert erklärt dieses Scheitern nicht mit fehlendem Wissen, sondern mit den Strukturen unserer Gesellschaft und plädiert für einen realistischen Umgang mit dieser Krise.

Beckert beschreibt die aktuelle Situation als eine Phase zunehmender Unsicherheit. In Anlehnung an Martin Müller spricht er von einer „neuen Unzuverlässigkeit der Natur“. Klimatische Bedingungen, die früher als stabil galten, sind nicht mehr verlässlich vorhanden. Die Folgen der Erderwärmung treffen dabei nicht alle gleich. Sie sind global spürbar, dennoch sozial und geografisch sehr ungleich verteilt. Ärmere Bevölkerungsgruppen sowie Länder des globalen Südens sind besonders benachteiligt.

Beckert bemängelt nicht die mangelnde Einsicht, dass Klimaschutz durchaus wichtig ist, denn viele Menschen wissen um die Dringlichkeit dieser Krise. Das Problem, so Beckert, sind vielmehr mächtige wirtschaftliche und politische Strukturen, die wirksames Handeln blockieren. Wachstum, Konsum und Profitorientierung stehen im Widerspruch zu einer schnellen Reduktion von Emissionen. Diese Blockaden führen bei vielen Menschen zu Frustration und Resignation, einem Gefühl, dass das individuelle Handeln ohnehin nichts mehr bewirkt.

Nachhaltiger Klimaschutz sei mit den kapitalistischen Strukturen der Moderne nur schwer vereinbar, da diese auf stetiges Wachstum angewiesen sind. Aber Beckert hält einen radikalen Systemwechsel für politisch nicht realistisch, besonders in Anbetracht des enormen Zeitdrucks. Er fordert stattdessen, realistische Ansatzpunkte zu finden und diese innerhalb bestehender Strukturen umzusetzen.

Klimaanpassung ist bei Beckert ein zentraler Gedanke. Anpassung ist für ihn kein Zeichen des Scheiterns, sondern Ausdruck von Realismus. Die Gesellschaften müssen sich auf neue Bedingungen einstellen, da sich der Klimawandel nicht vollständig verhindern lässt. Beispiele sind ein anderes Wassermanagement bei Trockenheit, Hitzeschutz in Städten oder Küstenschutz angesichts des steigenden Meeresspiegels.

Bestehende Ungleichheiten und ein erhöhtes Risiko gesellschaftlicher Konflikte sind mögliche Folgen der Klimakrise. Das bedeutet, dass diese Anpassungsprozesse ungewollten sozialen Stress mit sich bringen. Wirksamer Klimaschutz ist für Beckert ein Kollektivgut. Individuelle Verhaltensänderungen sind wichtig, reichen aber nicht aus. Staatliche Investitionen in grüne Infrastrukturen, eine aktive Finanzpolitik und der Ausbau öffentlicher Angebote sind entscheidend.

Eine zentrale Rolle spielt die Zivilgesellschaft. Moralische Überzeugungen entstehen nicht auf internationalen Klimakonferenzen, so Beckert, sondern im sozialen Nahbereich, in Familien, Vereinen und lokalen politischen Prozessen. An diesen Orten wird Klimaschutz konkret erfahrbar als Schutz des eigenen Lebensraums und als Verbesserung des Alltags.

Beckert lehnt sowohl resignatives Nichtstun als auch utopische Systemwechsel ab. Sein Plädoyer lautet: Realismus statt Resignation. Realistische Klimapolitik bedeutet, bestehende Machtverhältnisse anzuerkennen, politisch machbare Lösungen zu suchen und Zeit zu gewinnen, um Schäden zu begrenzen. Es gibt keine perfekten Lösungen. Doch genau daraus entsteht eine moralische Pflicht zum Handeln, auch wenn wir den Erfolg noch nicht sehen oder greifen können und er somit unsicher bleibt. Realismus heißt in diesem Sinne, trotz aller Schwierigkeiten handlungsfähig zu bleiben.

Quelle:

Beckert, Jens: Zwischen Utopie und Resignation. Plädoyer für eine realistische Klimapolitik, in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 5/2024, S. 43-52.

Mittwoch, 14. Januar 2026

Wäre die britische Kriegswirtschaft eine Lösung angesichts des Klimawandels?

Ein Beitrag von Sarah Falangone

Der Kapitalismus war zweifellos ein großer historischer Fortschritt, denn er zielte auf das Privateigentum an Produktionsmitteln und deren Einsatz zur Gewinnerzielung ab. Das bedeutet jedoch auch, dass der Kapitalismus zwingend für Wachstum sorgen muss, um stabil zu bleiben. In einer endlichen Welt ist es jedoch unmöglich, unendlich zu wachsen, da irgendwann die natürlichen Ressourcen erschöpft sind. Dieses Problem bleibt jedoch weitgehend unbeachtet, während Industriestaaten so tun, als könnten sie mehrere Planeten verbrauchen. Dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann, ist absehbar, weshalb eine Epoche der „Überlebenswirtschaft“ folgen muss, mit welcher wir den Kapitalismus überwinden, so die Argumentation von Ulrike Herrmann (2022).

Die Illusion des grünen Wachstums

Regierungen diskutieren zwar über verschiedene Ansätze, doch oft handelt es sich dabei um Nichtlösungen. Viele hoffen darauf, die Klimakrise mithilfe von Ökostrom zu bewältigen, indem die gesamte Wirtschaft – von der Industrie bis zum Verkehr – einfach umgestellt wird. Dieses „grüne Wachstum“ ist jedoch eine Illusion, da Ökoenergie nicht in beliebiger Menge zur Verfügung stehen wird. Zwar schickt die Sonne genug Energie, doch diese muss mühsam eingefangen und für Zeiten ohne Wind und Sonne gespeichert werden. Zudem verbraucht grüne Technik sehr große Mengen an knappen Mineralien wie Lithium, Kupfer und Kobalt. Es käme daher zwangsläufig zu einem „grünen Schrumpfen“, bei dem Flugreisen oder private Autofahrten in der heutigen Form nicht mehr möglich wären. 

Die Suche nach der Kreislaufwirtschaft

Viele Klimaaktivistinnen setzen darauf, dass eine ökologische Kreislaufwirtschaft die Lösung sein könnte. In einer solchen Wirtschaft wird nur so viel verbraucht, wie sich auch recyceln lässt. Der Slogan „system change, not climate change“ ist zwar populär, doch wie genau man diesen Wandel ohne eine schwere Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit erreichen kann, bleibt unklar. Es fehlt die Brücke von der heutigen Wachstumsdynamik in eine statische Zukunft. Selbst Ikonen wie Greta Thunberg geben offen zu, dass das künftige System bisher noch nicht erfunden wurde.

Das Vorbild: Die britische Kriegswirtschaft ab 1939

Um einen Plan für das geordnete Schrumpfen zu finden, lohnt sich, so Herrmann, ein Blick in die Geschichte – speziell auf Großbritannien im Jahr 1939. Während die US-Kriegswirtschaft auf massives Wachstum setzte und für die Bevölkerung weitgehend „schmerzfrei“ blieb, mussten die Briten ihre zivile Wirtschaft radikal eindämmen, um Ressourcen für das Militär zu schaffen. Dabei entstand eine „private Planwirtschaft“: Staatliche Lenkung, privates Eigentum: Die Fabriken blieben in privater Hand, aber der Staat bestimmte über Rohstoffe und Arbeitskräfte (das sogenannte „Manpower Budget“), was produziert wurde. Um Chaos zu vermeiden, übernahm der Staat die Kontrolle über die wichtigsten Entscheidungen, was zeigt: Der Staat kann handeln, wenn er will – wie wir es auch in der Corona-Pandemie erlebt haben.

Um diese Umstellung überhaupt steuern zu können, wurde damals eine entscheidende Messgröße erfunden: das Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP war ursprünglich eine britische „Kriegswaffe“, um die Wirtschaftsleistung und das Wachstum genau zu messen. Dank dieser Daten konnten die Planer genau einschätzen, dass sie beispielsweise 66 Prozent der britischen Industriekapazitäten für die Aufrüstung benötigten, während der Rest für die Zivilbevölkerung blieb. Wegen diesem durchschlagenden Erfolg entwickelte sich das BIP zur weltweit wichtigsten statistischen Kennzahl der Ökonomie und wurde schließlich von fast allen Ländern übernommen.

Der Segen der Rationierung

Ein zentraler Pfeiler war das Rationierungsprogramm. Obwohl der Konsum insgesamt um ein Drittel sank, erwies sich diese staatlich verordnete Gleichmacherei als Segen für die soziale Gerechtigkeit. Da Grundnahrungsmittel wie Fleisch, Brot und Fett gerecht verteilt wurden, waren die unteren Schichten oft besser versorgt als in Friedenszeiten, in denen sich viele Briten nicht einmal genug Kalorien leisten konnten.

Fazit: Keine Angst vor dem Weniger 

Wir brauchen, so das Fazit von Herrmann, kein völlig neues, noch nie dagewesenes System. Wir müssen das radikalisieren, was im Kapitalismus ohnehin angelegt ist: die Fähigkeit des Staates, in Krisenzeiten effektiv zu lenken. Die Geschichte zeigt, dass der Staat handeln kann, wenn er will – das haben wir auch in der Pandemie gesehen.

Literatur: Herrmann, Ulrike (2022): Raus aus der Wachstumsfalle. Wie wir mit der britischen Kriegswirtschaft die Klimakrise bewältigen können; in: Blätter für deutsche und internationale Politik, Ausgabe 10/2022.

Mutlose Klimapolitik

Ein Beitrag von Gianluca Trovato 

Klimapolitik scheitert nicht am Wissen, sondern am Mut zur Gerechtigkeit

Die Klimakrise ist wissenschaftlich eindeutig, politisch anerkannt und gesellschaftlich präsent. Und doch stockt die Klimapolitik. Nicht weil wir nicht wüssten, was zu tun ist, sondern weil der politische Wille fehlt, Klimaschutz konsequent und sozial gerecht umzusetzen. Statt entschlossen zu handeln, wird Klimapolitik in Deutschland zunehmend verwässert, verzögert oder im Namen angeblicher Zumutbarkeitsgrenzen relativiert.

Das Kernproblem liegt in der falschen Verteilung der Lasten. Klimaschutz wird zu oft als individuelles Moralprojekt verkauft: Menschen sollen weniger heizen, weniger fahren, weniger konsumieren. Gleichzeitig bleiben strukturelle Ursachen wie fossile Abhängigkeiten, industrielle Großemissionen oder unzureichende Infrastruktur unangetastet. Wer wenig Einkommen hat, spürt die Kosten sofort, und wer viel verursacht, bleibt vergleichsweise unbehelligt. Das ist nicht nur ineffektiv, sondern politisch brandgefährlich.

Denn eine Klimapolitik, die soziale Ungleichheiten ignoriert, verliert ihre demokratische Legitimation. Wenn steigende Energiepreise, unsichere Arbeitsplätze oder teure Sanierungspflichten als „notwendige Opfer“ dargestellt werden, ohne realen sozialen Ausgleich zu schaffen, entsteht Frust. Dieser Frust wird dann nicht gegen die Ursachen der Klimakrise gerichtet, sondern gegen Klimaschutz selbst, ein ideales Einfallstor für populistische Erzählungen.

Es ist dabei klar, dass es ohne eine tiefgreifende ökologische Transformation weder Wohlstand noch soziale Sicherheit in Zukunft geben wird. Wer Klimapolitik gegen Sozialpolitik ausspielt, betreibt kurzsichtige Symbolpolitik. Wirklicher Klimaschutz braucht massive öffentliche Investitionen, einen handlungsfähigen Staat und den Mut, ökonomische Interessen zu begrenzen. Es braucht Umverteilung, nicht Appelle, Strukturwandel, nicht Schuldzuweisungen an Einzelne.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob wir uns ambitionierte Klimapolitik leisten können, sondern ob wir uns ihr Scheitern leisten wollen. Eine Klimapolitik, die Angst erzeugt statt Sicherheit, ist zum Scheitern verurteilt. Eine Klimapolitik hingegen, die soziale Gerechtigkeit ernst nimmt, kann zur Grundlage eines neuen gesellschaftlichen Konsenses werden. Der politische Raum dafür ist da, was fehlt, ist der Mut, um diesen Raum zu nutzen.